Politik : Das Spiel beginnt erst noch

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Von Robert von Rimscha

Im Juni 2001, Deutschlands Politik stritt über die Zuwanderung, schien alles klar. 15 Monate vor der Wahl sah jeder das Duell der Großen: Mit Schröder-Stoiber gäbe es die ultimative Polarisierung, mit Schröder-Merkel den Kampf der Ähnlichen um die Wähler der Mitte. Heute, 15 Wochen vor der Wahl, ist alles anders. Stoiber hat sich keine einzige Kante gegönnt, dafür ist Schröder ein wenig nach links gerückt. Die Deutschen registrieren es, doch als dramatisch betrachtet niemand diesen Wahlkampf.

Stattdessen erregt sich die ganze Republik – oder zumindest der stets erregungsfreudige Teil – über die Nahost- und Antisemitismus-Äußerungen des Profi-Erregers Jürgen W. Möllemann. Statt Arbeit, Steuern, Rente, Bildung und Gesundheit stehen der Deutschen Haltung zu Juden hier und in Israel im Mittelpunkt. Und viele Wähler nervt das.

Doch nicht die Gewissheiten haben sich geändert, sondern die Fragen. Die CDU hat eine Woche vor ihrem Parteitag keine Ahnung, ob bürgerliche Wähler, denen die FDP nicht mehr koscher ist, nun Union wählen – oder ob der Wunsch überwiegt, die Liberalen aus einer Regierung herauszuhalten. Da nur die Union die FDP als natürlichen Partner bezeichnet, träfe die Wählerwut dann auch das Stoiber-Lager.

Aber gibt es sie überhaupt, die Wut des Wählers auf die vom Zaun gebrochene Antisemitismus-Debatte? Bei allen Unwägbarkeiten ist doch klar, dass ein großer Teil der Wähler unentschieden ist. Dies sind nicht die Funktionäre und Anhänger, sondern die Politikfernen. Was von der Möllemanniade am 22. September noch präsent ist, ist unklar. Zumindest möglich ist es, dass etlichen, die sich derzeit kaum als Mölli-Fans zu erkennen geben, dann einfällt: FDP, waren das nicht die, die endlich mal auf den Putz gehauen haben? Wovor die FDP am meisten Angst haben muss, ist nicht ein schlechtes Wahlergebnis, sondern ein überraschend gutes, das hernach durch abstruse Zitate braun denkender, aber liberal wählender Bürger entwertet wird.

Vier Wochen sind seit dem Mannheimer FDP-Parteitag vergangen. Ein Monat Karsli/Möllemann hat der SPD ein neues Feindbild verschafft. Zwar ist Gerhard Schröder darauf bedacht, nicht allzu apodiktisch seine Optionen zu beschränken, doch einen Effekt bekommt der Kanzler kaum mehr aus der Welt. Unterhalb der Spitze der Sozialdemokratie, im lafontainigen Mittelbau, ist die FDP die unsympathischste aller Parteien. Jetzt wäre ein rot-gelbes Bündnis eine noch waghalsigere Zumutung für die SPD als zuvor wegen des Streits über Marktliberalismus und Steuer-Radikalreform. Bisher hat Schröder eine Alternative, Rot-Rot-Grün, ausgeschlossen. Die PDS tat es auch. Nach den jüngsten Gysi-Äußerungen ist das Modell Magdeburg für den Bund wieder auf dem Tisch. Addiert man den FDP- und den PDS-Effekt, kommt das heraus, was alle vom Duell Schröder-Stoiber erwartet haben, nun aber ohne deren Zutun entstand: der Lagerwahlkampf, Schwarz-Gelb gegen Rot-Rot-Grün.

Über die Koalitionsfähigkeit von Parteien entscheidet nicht, was heute gesagt wird, sondern wie der Bürger abstimmt. Die Resultate bestimmen die Optionen. Reicht es für Schwarz-Gelb, kommt die Koalition der Union mit der FDP. Reicht es für Rot-Grün, bleibt das Tandem Schröder-Fischer. Für ein sozialliberales Bündnis sind die Aktien gefallen; für ein großes Links-Bündnis, mindestens so sehr gegen Möllemann wie gegen Stoiber gerichtet, beginnen sie zu steigen. Verwirrend? In der Tat. Denn die Option einer Großen Koalition haben wir noch gar nicht erwähnt. Wir sind erst in der Vorrunde. Das eigentliche Spiel beginnt am 22. September, 18 Uhr.

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