Politik : Das Tagebuch einer jungen Serbin - "Eine ängstliche Stimmung liegt über der Stadt"

Alex K.

Mittwoch, 19 August 1999

Die ganze Woche war vom Blick auf den Donnerstag geprägt. Die Regierungskampagne gegen die Oppositon wird härter. Die Regierungskoalition behauptet, die Aggression der Nato setze sich im Protest fort. Die Demonstranten werden Nato-Kollaborateure und Terroristen genannt. Es gibt sogar den Vorschlag, ein "Nationales Tribunal" abzuhalten, das all jene anklagen soll, die während der Bombenangriffe nicht in Serbien waren, die in der Vergangenheit Wahlen boykottierten oder jetzt vorgezogene Neuwahlen fordern.

Bis zur letzten Minute ist nicht klar, wer auf der Kundgebung sprechen wird. Die Ex-Generäle Perisic und Obradovic haben abgesagt, genau wie Vuk Draskovic. Die Zersplitterung der Opposition ist leider deutlich sichtbar und nährt die Zweifel an einem Erfolg. Die Lage ist sehr viel ernster als 1996. Das ist zu spüren, wenn man sieht, wie viele Leute des Establishments sich aus dem Staub machen. Minister Bogoljub Karic ist zurückgetreten, Premierminister Marjanovic kündigte an, dass er möglicherweise sein Amt wegen Krankheit aufgeben muss, Zoran Lilic, der frühere Präsident der Bundesrepublik Jugoslawien, ist auch im Krankenhaus. Für den Normalbürger ist die Situation zumindest verwirrend. Die meisten Menschen sind nicht zufrieden mit der Regierung, aber vertrauen der Opposition ebensowenig. Es könnte sich das Szenario des Jahres 1996 wiederholen, als der Zwiespalt innerhalb der Opposition und die großen Egos ihrer Führer die Sache scheitern ließen. Wenn das wieder passiert, sähe es um das Schicksal Serbien nicht nur wirtschaftlich, sondern auch moralisch deprimierend aus, um es milde auszudrücken.

Gestern im Café erzählte mir Milan, ein 33jähriger Informatiker, dass er nicht zur Kundgebung kommen wird. Zu oft schon habe er ohne Erfolg demonstriert. Jetzt müssten die demonstrieren, die Milosevic an die Macht gebracht haben und die im Winter hungern werden, sagt er. Maria, eine 60jährige Ärztin, sagt, sie vertraue der Opposition nicht, aber sie fühle die Pflicht, zur Demonstration zu gehen aus Verpflichtung gegenüber ihren Kindern. Zorana, eine 40-jährige Fernsehjournalistin, wird aus Neugier kommen. Eine große Gruppe Studenten wird zusammen demonstrieren. Sie riskieren vielleicht ihren Job, aber das Risiko in einer Gruppe ist geringer. Sie sagen sich, dass keiner käme, wenn alle Angst hätten. Manche Leute kommen, weil sie Vertrauen zu einer der Persönlichkeiten haben, die zur Teilnahme aufgerufen haben. Aber die meisten werden kommen, weil sie sie einen Wandel wollen.

Es liegt eine gewisse ängstliche Stimmung über der Stadt. Jeder hofft, dass sich etwas tun wird, aber die Erfahrungen der Vergangenheit belegen, dass es keinen Grund zur Euphorie gibt. Alle Beteiligten sagen, die Kundgebung solle friedlich verlaufen, aber mehrere Privatkrankenhäuser haben angekündigt, dass ihre Krankenwagen bereitstünden für den Fall, dass Erste Hilfe benötigt wird. Wir warten ab.Die Autorin ist eine junge Serbin aus Belgrad. Um sie zu schützen, können wir ihren richtigen Namen nicht nennen.

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