Politik : Das Trauma vom frühen Leid im Heim

Berlin - Einweisungsgrund: überforderter Vater. Oder frühe Schwangerschaft. Oder sittliche Verwahrlosung, die sich an langen Haaren und Lernschwierigkeiten zeigte. Zweieinhalb Stunden hat sich der Petitionsausschuss des Bundestags am Montag Lebensgeschichten ehemaliger Heimkinder angehört, die in den 50er und 60er Jahren in kirchlichen und staatlichen Fürsorgeanstalten Schläge, Demütigungen, Missbrauch, Schwerarbeit erdulden mussten. „Kein Tag, an dem ich nicht mit Angst ins Bett ging und mit Angst aufstand“, sagt Wolfgang Rosenkötter, der als Halbwüchsiger in Freistatt im Teufelsmoor frühmorgens mit Holzschuhen zum Torfstechen ausrücken musste.

Dietmar Krone ist schwerbehindert: „Meine linke Schulter wurde zertreten, weil mir zwei Teller aus der Hand fielen.“ Er erzählt von sexuellem Missbrauch und willkürlicher Psychiatrisierung. Im katholischen Vincenz-Heim, Dortmund, stand eine 16-Jährige zehn Tage nach der Entbindung im Bügelsaal, die Brüste hochgebunden, damit sie nicht mehr stillen konnte. „Des Sonntags durfte ich meine Tochter für eine Stunde sehen“, erzählt sie den Abgeordneten. Vorgestellt hat sie sich als M. E.: Bis heute suchen viele Betroffene Schutz in der Anonymität.

Der Petitionsausschuss hört Geschichten eines lange verdrängten Unrechts. Zu Beginn dieses Jahres hat das Buch „Schläge im Namen des Herrn“ des Journalisten Peter Wensierski auf das Schicksal dieser Kinder aufmerksam gemacht. Der Verein der ehemaligen Heimkinder formierte sich und richtete eine Petition an den Bundestag. Sie fordert die Anerkennung der erlittenen Menschenrechtsverletzungen, die Ächtung der damaligen Erziehungspraxis, Wiedergutmachung in Form von Rentenanerkennungszeiten und Finanzierung von Therapien.

Michael-Peter Schiltsky, Geschäftsführer des Vereins, betont, dass nicht in allen Heimen solche Praktiken üblich waren. Alle vom Verein vorgetragenen Fälle aber seien belegt. Der Hamburger Rechtsanwalt Gerrit Wilmans spricht von einer Opfergruppe von bis zu 500 000 Betroffenen. Die kirchlichen Träger Caritas und Diakonie haben inzwischen eingeräumt, dass vielen Kindern Unrecht geschehen sei, und eine Aufarbeitung zugesagt. Der hessische Landeswohlfahrtsverband, Träger zahlreicher Einrichtungen, hat um Entschuldigung gebeten.

Die Erfüllung der Petitionsforderungen sei nun „der zweite und dritte Schritt“, sagt Rosenkötter nach der Anhörung. Er habe nicht mit so viel „Empathie und Verständnis“ gerechnet; die Obleute aller Fraktionen wollten dafür Sorge tragen, dass weitere Schritte eingeleitet werden. An der Anhörung haben auch Vertreter der Ministerien für Justiz, Inneres, Familie und Gesundheit teilgenommen.

Bis heute fehle für die damalige Erziehungspraxis das Unrechtsbewusstsein, sagt Schiltsky. Das Argument, Schläge entsprächen nun einmal dem damaligen Zeitgeist, sei „eine erbärmliche Verharmlosung“. Er sei rechtlos aufgewachsen. Es handle sich um Menschenrechtsverletzungen, die anerkannt werden müssten, auch um künftige zu verhindern, fordert Schiltsky.

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