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Datenleck : Wikileaks düpiert USA mit geheimen Afghanistan-Akten

Es ist der Alptraum für jeden Geheimdienst: Im Internet ist eine Sammlung von mehr als 90.000 Militär-Dokumenten über den Krieg in Afghanistan aufgetaucht. Die USA sind empört.  

Der Einsatz in Afghanistan wird offenbar immer gefährlicher. Foto: dpa
Der Einsatz in Afghanistan wird offenbar immer gefährlicher.Foto: dpa

Die US-Regierung hat die Enthüllung geheimer Unterlagen über die Situation in Afghanistan über die Internet-Plattform Wikileaks scharf kritisiert. Diese könnten „das Leben der Amerikaner und ihrer Partner gefährden und unsere nationale Sicherheit bedrohen“, sagte der Nationale Sicherheitsberater James Jones. Der pakistanische Botschafter in den USA, Husain Haqqani, bezeichnete die Veröffentlichung der Geheimdokumente als „unverantwortlich“, da sie nicht die „tatsächlichen Gegebenheiten“ widerspiegelten. Die US-Regierung räumte allerdings ein, dass ihr die Verbindungen des pakistanischen Geheimdienstes zu Aufständischen seit geraumer Zeit Sorgen bereiten.

Hierzulande kündigten sowohl das Außen als auch das Verteidigungsministerium an, die Unterlagen zu prüfen. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte, es müsse ausgewertet werden, was der Bericht möglicherweise an neuen Erkenntnissen biete. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte, es werde untersucht, ob auch deutsche Sicherheitsinteressen beeinträchtigt sein könnten.

Eine Sammlung von 90.000 überwiegend geheimen Afghanistan-Militärdokumenten offenbart das Wiedererstarken der radikalislamischen Taliban im Krieg gegen die Isaf-Schutztruppe. Die US-Einheiten und deren Verbündete verlieren in dem seit knapp neun Jahren andauernden Krieg am Hindukusch zunehmend an Boden – ihre Sicherheitslage ist prekär. Sie verschlechtere sich auch im Norden des Landes, wo deutsche Soldaten im Einsatz sind. Die Protokolle sollen von der Enthüllungs-Website Wikileaks veröffentlicht werden. Die Dokumente belegen auch die Existenz einer US-Elitetruppe zur Liquidierung von Taliban-Anführern.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ sowie die Zeitungen „New York Times“ und „Guardian“ aus London analysierten jeweils für sich die gewaltige Datenmenge der amerikanischen Streitkräfte. Es seien Meldungen der Truppen aus dem laufenden Gefecht, die kurz zusammengefasst und direkt weitergeleitet wurden. Die Medien glichen nach eigenen Angaben die Informationen mit den offiziellen Darstellungen der Lage in Afghanistan ab. Die Blätter veröffentlichten ihre Berichte am Sonntagabend zeitgleich im Internet. Die Dokumente umfassen die Jahre von 2004 bis 2009.

Eine Sprecherin des britischen Premierministers David Cameron sagte, die Veröffentlichung der geheimen Unterlagen sei „bedauerlich“. Außenminister William Hague dagegen spielte den Bericht herunter. „Wir verbringen unsere Zeit nicht damit, Enthüllungen anzuschauen, wir setzen die international abgestimmte Strategie fort.“ Einer der Wikileaks-Gründer, der Australier Julian Assange, begrüßte die ausgelöste Kontroverse. Guter Journalismus müsse den Missbrauch der Mächtigen aufdecken. Wenn dies geschehe, gebe es immer Gegenreaktionen, sagte er dem britischen "Guardian".

Wikileaks sammelt geheime offizielle Dokumente aus anonymen Quellen, um Missstände öffentlich zu machen.

Krieg aus der Sicht der US-Soldaten

Der „Spiegel“ teilte mit, die Unterlagen zeigten den Krieg aus der unmittelbaren Sicht der US-Soldaten. Es geht beispielsweise um Einsätze der Task Force 373, einer US-Eliteeinheit. Sie sei darauf spezialisiert, Top-Taliban gezielt auszuschalten. Die Dokumente geben demnach auch Auskunft über Opfer unter Zivilisten bei den Kommandoaktionen.

Wikileaks-Gründer Julian Assange sagte dem „Spiegel“: „Das Material wirft ein Schlaglicht auf die alltägliche Brutalität und das Elend des Krieges. Es wird die öffentliche Meinung verändern und auch die von Menschen mit politischem und diplomatischem Einfluss.“ In der Fülle stelle das Material alles in den Schatten, was über den Krieg in Afghanistan gesagt worden sei. „Diese Daten sind die umfassendste Beschreibung eines Krieges, die es jemals während eines laufenden bewaffneten Konflikts gegeben hat (...).“ Assange stellte klar, dass das gesamte Material vor der Veröffentlichung daraufhin überprüft worden sei, ob durch Details tatsächlich Soldaten im Afghanistan-Einsatz oder deren Verbündete in Gefahr geraten könnten.

Spezialeinheit zur Tötung ranghoher Taliban

Der „Spiegel“ arbeitet vor allem die Lage der deutschen Truppen im Norden des Landes heraus. Diese sei bedrohlich, die Zahl der Kampfhandlungen habe ebenso drastisch zugenommen wie die Zahl der Anschläge. Auch der Einsatz von Spezialeinheiten der US-Streitkräfte helfe nur bedingt. Rund 300 Soldaten einer dieser Einheiten – jener Task Force 373 - seien abgeschirmt auch im deutschen Lager Masar-i-Scharif untergebracht.

Aufgabe dieser Spezialeinheiten sei auch die gezielte Tötung ranghoher Taliban. Bei solchen Operationen gebe es zahlreiche zivile Opfer - auch Kinder, so der „Spiegel“. Auftraggeber der Kommandos für die Task Force 373 sei direkt das US-Verteidigungsministerium. Der „Spiegel“ schreibt, dass es in den Dokumenten keine Hinweise auf weitere, bislang nicht bekannte Übergriffe deutscher Soldaten auf die Zivilbevölkerung gebe. Allerdings lasse sich aus den Unterlagen schließen, dass deutsche Truppen unvorbereitet in den Krieg gezogen seien. Das Magazin kommt nach Durchsicht der Dokumente zu dem Schluss, die Sicherheitslage im Norden Afghanistans werde immer schlechter. Nach dem Willen der internationalen Gemeinschaft soll die Führung Afghanistans von Ende 2014 an selbst für die Sicherheit des Landes sorgen. (dpa)

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