Politik : Demonstration mit Landesvater Castor-Transport nach Lubmin löst Protest aus

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Greifswald – Greifswald ist offenbar doch nicht Gorleben. Der Protest gegen die Atompolitik der Bundesregierung und gegen den angekündigten Castor- Transport ins nahe gelegene Zwischenlager bei Lubmin fiel am Samstag kleiner als erwartet aus. Zwar verkündeten die Atomkraftgegner, dass wie erhofft fast 4000 Demonstranten in die Hansestadt gekommen seien. Aus Polizeikreisen wurden diese Angaben aber bezweifelt. Redner von Umweltverbänden, den Gewerkschaften und der Kirche befürchteten, Lubmin könne zum „Atomklo“ der Republik werden, wenn dort immer mehr Atommüll gelagert würde, der nicht aus demontierten DDR-Kernkraftwerken stamme.

Der Protest gegen den ersten Castor- Transport mit hoch radioaktivem Atommüll von West nach Ost wurde knapp neun Monate vor der nächsten Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern zum landespolitischen Schaulaufen. Auch Schwerins Regierungschef Erwin Sellering (SPD) mischte sich in Greifswald unter die Demonstranten und sprach von der „Arroganz der Bundesregierung“, die den Wunsch des Landes, keinen Atommüll von außerhalb einlagern zu wollen, übergangen habe. Prompt stellte sich Oppositionschef Helmut Holter von der Linkspartei zum Duell, wer der bessere Castor-Gegner sei. Demonstrieren reiche nicht, sagte Holter. Sellering solle „zivilen Ungehorsam“ leisten und die Landesgrenze symbolisch für den Castor-Transport sperren.

Dabei wollte Holter bei der Demonstration in Greifswald eigentlich vor allem den nicht im Schweriner Landtag vertretenen Grünen das Anti-Atom-Feld streitig machen. Diese hoffen mit ihrem ureigenen Thema endlich genug Wähler zu mobilisieren, um im kommenden September erstmals in das Landesparlament einziehen zu können. Sellerings Koalitionspartner, die CDU, weist unterdessen darauf hin, dass der Castor-Transport in die Wege geleitet wurde, als in Berlin Rot- Grün regierte.

Mit Sitzblockaden und Mahnwachen wollen Atomkraftgegner den Zug behindern, der voraussichtlich am kommenden Donnerstag vorerst vier von neun Castoren aus Cadarache in Frankreich ins bundeseigene Zwischenlager Nord bei Lubmin 20 Kilometer östlich von Greifswald bringen soll. Die Kernbrennstäbe stammen aus dem stillgelegten Forschungsreaktor in Karlsruhe und von der „Otto Hahn“, einem ehemaligen deutschen Forschungsschiff mit Atomantrieb. Fünf weitere Castoren sollen im Frühjahr folgen.

Das 240 Millionen Euro teure Zwischenlager Nord war eigentlich zwischen 1994 und 1997 gebaut worden, um ausschließlich Atommüll aus den stillgelegten und abgebauten DDR-Kernkraftwerken in Lubmin und Rheinsberg zu lagern. Darauf hatten die Parteien in Mecklenburg-Vorpommern auch stets gedrungen. Sie haben allerdings kaum ein Wort mitzureden, wenn der Bund bundeseigenen Atommüll loswerden muss. Deshalb kommt zum ersten Mal hoch radioaktives Material aus der alten Bundesrepublik ins Zwischenlager Nord. Die bundeseigenen Energiewerke Nord, die Betreiber des Zwischenlagers, bestreiten vehement, dass es zum Endlager ausgebaut werden könnte. Auch werde nach dem Castor-Transport im Frühjahr kein weiterer hoch radioaktiver Müll nach Lubmin kommen. Andreas Frost

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