Politik : Der Anfang vom Ende der Ära Kirchner Argentiniens Präsidentin muss eine Pause einlegen

Die Ärzte haben eine Hirnblutung festgestellt.

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Bogota - Die Augen leer, das Gesicht faltig. Das Foto, mit dem die Internetseite der argentinischen Tageszeitung „Clarin“ die Leser am Samstag in die Nacht schickte, verstört. Es zeigt eine kranke, eine gezeichnete argentinische Präsidentin Cristina Kirchner. Jeder kann, jeder soll sehen, dass die Frau, die seit 2007 die Geschicke des Landes leitet, angeschlagen ist. Kirchner, die so viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres legt, bewusst hässlich zu zeigen, ist eine kleine Bosheit. Dass „Clarin“ so wenig zimperlich ist, hat eine Vorgeschichte: Beide Seiten haben sich durch Attacken in den vergangenen Jahren das Leben schwer gemacht. Kirchner beschimpfte das Blatt regelmäßig, versuchte, dem Unternehmen durch gesetzliche Regelungen das Leben so schwer wie möglich zu machen. Clarin revanchierte sich mit beißender Kritik und gerne auch unvorteilhaften Fotos.

Ärzte haben nun eine Hirnblutung bei Kirchner festgestellt und verordneten der linksgerichteten Politikerin deshalb einen Monat Ruhe. Bei Kirchners Erkrankung handelt es sich um ein sogenanntes chronisches Subduralhämatom. Die Präsidentin hatte Mitte August ein Schädel- Hirn-Trauma erlitten. Regierungssprecher Scoccimarro erklärte, bei der 60-Jährigen sei eine Computertomografie des Gehirns durchgeführt worden, um eine einwandfreie Diagnose zu ermöglichen.

Die Nachricht von der Zwangspause elektrisiert das Land. Fast alle Sender brachten am Abend Sondersendungen, das Thema dominiert die Internetausgaben der Tageszeitungen. Es geht um mehr als um Kirchners Gesundheit, es geht um das Ende des „Projekts K“. Mit ihrem verstorbenen Ehemann Nestor zusammen regiert sie das Land seit nun zehn Jahren. Ob Cristina nach zwei Wahlsiegen erneut kandidieren kann, entscheidet sich Ende Oktober bei den Parlamentswahlen. Gelingt es ihrer Partei „Frente para la Victoria“, eine Zweidrittelmehrheit zu erreichen, könnte die Verfassung geändert werden. Dies würde Kirchner eine erneute Kandidatur ermöglichen.

Doch es sieht schlecht aus: Bei den jüngsten Vorwahlen kassierte ihr Lager eine herbe Schlappe. Es ist eher unwahrscheinlich, dass sie wie bei den Präsidentschaftswahlen 2007 und 2011 einen strahlenden Sieg davontragen wird. Stattdessen deutet sich der Anfang vom Ende der Ära Kirchner an. Der Tod ihres Mannes, die Fehlgeburt der Partnerin ihres Sohnes und nun die Hirnblutung: Aus der strahlenden Hoffnungsträgerin ist eine gezeichnete Frau geworden. Nun wird sie im Wahlkampf ausfallen.

Zuletzt waren in Buenos Aires und anderen Städten die Massen auf die Straßen gegangen. Sie kritisierten einen fast diktatorischen Regierungsstil, überbordende Bürokratie, wirtschaftlichen Stillstand und Inflation. Nachdem es zu Beginn der Kirchner-Ära schien, als könne Argentinien nach der Staatspleite wieder zu einer wirtschaftlichen Großmacht Südamerikas aufsteigen, zeigte der Trend zuletzt nach unten. Kirchners Politik diente zuletzt vor allem dem eigenen Machterhalt. Dass sie lieber Museen in Gedenken an ihren Mann eröffnete, statt sich um die wahren Probleme des Landes zu kümmern, nehmen ihr viele übel.

Die vierwöchige Zwangspause bereitet das Land auf eine Phase vor, die spätestens 2015 anbrechen wird, wenn Kirchners aktuelle Amtszeit endet. Dann wird das Land 14 Jahre lang von einem Ehepaar regiert worden sein. Eine solche Zeit kostet Kraft. Vielleicht gibt die aktuelle Diagnose Kirchner die Möglichkeit, sich ohne Gesichtsverlust auf den politischen Ruhestand vorzubereiten. Tobias Käufer

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