Politik : "Der diskrete Charme der DDR": Sag mir, wo Du stehst

Robert Ide

Plötzlich waren sie wieder da, die alten Fronten. Auf der einen Seite standen die Guten, auf der anderen die Bösen. Dazwischen ein unabhängiger Kopf, der die Beteiligten sortierte - der Historiker Hubertus Knabe. Sein Kriterium: Wie hast Du es mit der DDR gehalten? Sein Mittel: Was steht in Deiner Stasi-Akte? In Knabes neuem Buch geht es um die Frage, inwiefern westdeutsche Journalisten - auch als ostdeutsche Agenten - mit der Stasi gekungelt haben.

Entsprechend zahlreich waren die Versuche potenziell Betroffener, das Werk zu verhindern. Nun ist das Buch "Der diskrete Charme der DDR" gegen alle Widerstände erschienen. Die aufgeregte Diskussion bekommt eine fundierte Grundlage, Gerüchte haben nur noch wenig Chancen. Doch wer die 500 Seiten studiert, muss einige Erwartungen begraben. Die Fronten verschwimmen wieder, Gut und Böse vermischen sich. Knabe stellt die richtigen Fragen, muss aber bei den Antworten oft passen. Das hat drei Ursachen: das Thema selbst, die Quellenlage und die Herangehensweise des Autors.

Ausgangspunkt ist die Frage, warum die DDR vom Hassobjekt zum Lieblingskind vieler Journalisten mutierte. Zu Recht stellt Knabe eine Wandlung des DDR-Bildes fest - aus "rotlackierten Faschisten", die die Mauer errichtet hatten und ihre Bürger unterdrückten, wurden in den siebziger und achtziger Jahren akzeptierte Verhandlungspartner. Der sozialistische Staat galt als zehntstärkste Industrienation und Erich Honecker als "deutscher Realist", der Sätze "ohne Schnörkel und Stanzfloskeln" formuliert und sich "durch Gymnastik, Wandern, Schwimmen und Jagen fit hält". So jedenfalls beschrieb die "Zeit" 1986 den DDR-Staats- und Parteichef, danach folgte ein fünfseitiges Interview. Knabe hat für solche Lobpreisungen nur ein Wort übrig: "Wahrnehmungsblockade".

War die Stasi schuld daran, dass Journalisten die SED-Diktatur mit weicher Feder zeichneten? Das Buch will diesen Eindruck erwecken. Das macht bereits der Aufbau deutlich. Knabe schildert die Bearbeitungsmethoden der Stasi von ersten Kontakten bis hin zur spionageähnlichen Kooperation. An Beispielen wird erzählt, wie Redakteure gierig um brisantes Material aus der DDR bettelten, um im eigenen Land echte oder vermeintliche Skandale aufzudecken. Die Kontaktarbeit führte oft in die Arme der Stasi, die mit Hilfe ihrer Gesprächspartner gefälschte Dossiers lancieren konnte und nebenbei die Redaktionen ausforschte.

Zentrum der "Bearbeitung" war das von der Stasi durchsetzte DDR-Presseamt. Der Leiter der dortigen Westabteilung, Hermann von Berg, spielte in den sechziger Jahren als IM "Günther" ausgesuchten Journalisten Informationen zu und begleitete sie bei DDR-Reisen. Kontakte entwickelten sich schnell zu vertraulichen Zwiegesprächen. Etwa mit dem ZDF-Journalisten Klaus Ellrodt. Dieser drehte mit Hilfe von Bergs mehrere Filme in der DDR und schrieb Berichte für die Nachrichtenagentur AP, deren Inhalt die Stasi als "vorwiegend sachlich-informativ und positiv gehalten" einstufte.

Bleibt die Frage, wie fest die Bande mit der Stasi waren. Knabe kann in vielen Fällen nicht eindeutig sagen, wann ein Journalist dem Schnüffeldienst vorsätzlich half und wann er unwissentlich von ihm benutzt wurde. Um so enger die Reporter mit der DDR zusammenarbeiteten, um so mehr vermischte sich ihr berufliches Interesse mit den Zielen der Staatsmacht. Eindeutige Urteile sind daher nahezu unmöglich. Klarer wird die Sache erst im Falle einer Inoffiziellen Mitarbeit. Knabe nennt im Kapitel über das IM-Netz mehr als 30 Stasi-Helfer namentlich. Erzählt werden Geschichten wie die des Leiters der Kölner Journalistenschule (IM "Dietrich"), der der Stasi ausgewählte Studenten als Anwerbekandidaten empfahl. Knabe schildert die Verbindungen detailliert, stößt jedoch an die Grenzen der Akten.

Die Quellenlage ist auch denkbar schlecht. Die Unterlagen der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) wurden im Zuge des Umbruchs 1989/90 fast völlig vernichtet. Die Agentendatei konnte sich der US-Geheimdienst CIA mit der dubiosen Aktion "Rosenholz" unter den Nagel reißen. Nun lagern die brisanten Informationen in Amerika, sollen aber laut Bundesregierung bis Ende 2002 zurückkehren. Doch auch dann werden viele Vorgänge und Namen im Dunkeln bleiben, denn die Daten unterliegen dem Geheimnisschutz. Kein Wunder, dass Knabe ein flammendes Plädoyer für offene Stasi-Akten hält. Der einstige Mitarbeiter der Gauck-Behörde weiß, wie sehr seine Forschungen von den Stasi-Quellen abhängen. Manchmal verlässt sich Knabe allerdings zu sehr auf das geheimdienstliche Material.

Zum Schluss lenkt Knabe den Blick auf die Bekämpfung kritischer Medien durch die Stasi. So geriet die "tageszeitung" ins Visier, weil sie über unabhängige Friedens- und Umweltgruppen in der DDR berichtete. Die SED-Führung verweigerte der Zeitung deshalb bis zum Schluss die Akkreditierung eines Korrespondenten in Ost-Berlin. Zudem setzte sie Inoffizielle Mitarbeiter wie die Redakteurin Brigitte Heinrich ein, die ihre Kollegen fein säuberlich in "rechte", "linke" und politisch wechselhafte Kräfte einteilte.

Hauptfeind der DDR war der Springer-Verlag. Mit aller Macht versuchte die Stasi, die Proteste der westlichen 68er zu nutzen, um den Antikommunisten Axel Caesar Springer zu schwächen. Die von der Studentenbewegung postulierte Forderung "Enteignet Springer" wurde erstmals in Ost-Berlin formuliert. Dass die Stasi die Proteste gegen Springer lanciert hat, behauptet Knabe nicht. Trotzdem lässt er die Vermutung im Raum stehen. Und wieder verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse.

Am Ende bleibt die zentrale Frage des Buches offen. Knabe räumt ein, dass der Meinungsumschwung in der Bundesrepublik gegenüber der DDR "nicht in erster Linie von Agenten bewirkt wurde". Das Medienbild vom real existierenden Sozialismus war vor allem dem Zeitgeist der Entspannung und innenpolitischen Grabenkämpfen zwischen Linken und Rechten geschuldet. Wie groß der Anteil der Stasi an der Berichterstattung war, lässt sich nicht feststellen. Dass die Frage nach dem "diskreten Charme der DDR" überhaupt gestellt wurde und dass die Stasi nicht mehr als Ostproblem angesehen wird, bleibt Knabes Verdienst. Sein spannendes, faktenreiches Buch hat eine längst fällige Debatte angestoßen - eine Debatte, die jedoch ohne eindeutige Antworten auskommen muss.

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