Politik : Der Einmarsch fällt leicht, heraus findet Moskau nur schwer (Kommentar)

Christoph von Marschall

Es ist ein angekündigter Krieg. Und um zu ahnen, wie er aussehen wird, muss man nur die Berichte vom ersten Einmarsch in Tschetschenien 1994 herausholen: brennende Häuser, Marktplätze und Fabriken. Salven selbst auf Frauen und Kinder, die sich den vorrückenden Marschkolonnen in den Weg stellen. Nach wenigen Wochen wird sich die russische Führung fühlen wie die Besucher eines Irrgartens: Hineinkommen ist leicht, herausfinden unsäglich schwer.

Diesmal kann sich der Kreml nicht einmal anfangs auf eine allgemeine Kriegsbegeisterung stützen wie 1994 - trotz der Terroranschläge auf Wohnhäuser in Russlands Städten. Die Bürger haben den ersten Tschetschenienkrieg in Erinnerung, dazu das Afghanistan-Trauma. Mit Luftangriffen, Artillerie und Panzern kann die längst nicht mehr ruhmreiche Armee die Städte und Dörfer im Kaukasus zu Klump schießen, nicht aber den Kleinkrieg gegen hochmobile Kämpfer in den Bergen gewinnen.

Warum wiederholt Russland die Fehler? Und wo wird das Land am Ende stehen? Die Führung muss ratlos sein, wenn sie zu den gescheiterten Ansätzen der Vergangenheit Zuflucht nimmt - darunter dem Versuch, in Grosny eine Moskau hörige Regierung einzusetzen, was schon in Kabul keinen dauerhaften Erfolg brachte. Hinzu kommt die Sehnsucht der Militärs, die Niederlagen beim zweiten Anlauf in Siege zu verwandeln und ihren ramponierten Ruf wieder herzustellen. Und das Schielen des Kreml nach kurzfristigen innenpolitischen Vorteilen vor der Duma-Wahl im Dezember und der Schlacht um die Präsidentschaft im Sommer 2000. Der blasse Premier Putin, den Jelzin zum Nachfolger aufbauen will, hat seine Bekanntheit dank der Konflikte steigern können.

Am Ende wird abermals Verzweiflung stehen. Wird sie diesmal dem demokratischen Lager so weit nützen, dass ein dritter Tschetschenien-Krieg nicht mehr möglich ist?

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