Politik : Der Enkel

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Foto: Rückeis

AUF ZU DEN LINDEN!

Von Steffen Kopetzky

Seit ich sie am vergangenen Montag mitangesehen habe, beschäftigt mich eine Szene in dem ersten der beiden Fernsehportraits, das die ARD über den Kandidaten aus Bayern in Auftrag gegeben hatte. In der Szene war der Umgang von Stoiber mit einem Enkelkind zu beobachten, dem er – während eines Besuchs im Günzburger „Legoland“ – erklärte, dass es mit dem Winken warten solle, bis die Journalisten zusähen. Als ob es für den Enkel darum ginge, Kanzler von Legoland zu werden. „Und dann tust du winken – geh, schön winken, genau so, ja, schön winken … wenn wir nachher ’rauskommen und die Journalisten zuschauen: dann machst Winki-Winki …“

Das Enkelkind sah den Kandidaten entsetzt an und begann auf der Stelle – wahrscheinlich aus Panik – zu früh und völlig öffentlichkeitsunwirksam zu winken. Worauf Stoiber mit wachsender Aggressivität weiter auf es einredete: „Nicht jetzt! Nein! Nicht jetzt winken, nachher …“

Natürlich sieht man hinter dem Kandidaten, der sein Enkelkind mit fürchterlicher Überredungskunst manipuliert und ihm Verhaltensweisen einflüstert, die auch einer Figur von Gerhard Polt angemessen erscheinen würden, noch jemand ganz anderen stehen: seinen Berater. Nicht anders als der Kandidat zum panischen und missbrauchten Enkelkind beugt sich der Berater hinab, um ihm ins Ohr zu flüstern, wie er sich zu verhalten habe, wie er schauen, wie er stehen, wann er winken und wann sich die Nase putzen soll, und während Stoiber seinen Enkel manipuliert, tut er damit nur, was der Berater von ihm will … und alle wollen nur das Beste. Normal.

Schlimm, wenn man so leben muss. Einfach fürchterlich …

Der Autor ist Schriftsteller („Grand Tour oder Die Nacht der Großen Complication“), Kolumnist und lebt in Berlin-Neukölln. Bis zum 22. September lesen Sie an dieser Stelle jeden Tag Stimmen zum Wahlkampf.

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