Politik : Der Gegenkandidat heißt Terror

Ulrike Scheffer

Berlin - Für Afghanistans Präsident Hamid Karsai geht es nun ums Ganze. Am Dienstag eröffnete er offiziell den Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen am 9. Oktober. Dies teilte ein Sprecher Karsais in Kabul mit. Massenkundgebungen wie in Europa oder den USA wird es in Afghanistan in den kommenden Wochen aber nicht geben. Dies lässt die Sicherheitslage nicht zu. Allein am Dienstag wurden bei Kämpfen in der südafghanischen Provinz Sabul mindestens sechs Talibanrebellen und ein afghanischer Soldat getötet. Die Taliban sind fest entschlossen, die Wahlen mit neuem Terror zu sabotieren: „Sie werden zu unserem Ziel für Attentate aller Art“, sagte ihr Sprecher Abdel Latif Hakimier am Dienstag.

Erst Ende September hatten die Islamisten in Kabul eine Autobombe vor dem Büro der amerikanischen Sicherheitsfirma gezündet, die mit dem Schutz Karsais beauftragt ist. Neun Menschen kamen bei dem Anschlag ums Leben. Die Nato will die Stärke der Schutztruppe Isaf zwar bis zum Wahltag auf knapp 10 000 Soldaten beinah verdoppeln. Dennoch werden in dem Land, das so groß ist wie Frankreich, Belgien und die Schweiz zusammen, weiter riesige Sicherheitslücken klaffen.

Angesichts dieser Bedingungen sieht sich die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) außer Stande, eine flächendeckende Wahlbeobachtung zu organisieren. Mögliche Manipulationen dürften aber ohnehin kaum Einfluss auf den Wahlausgang haben. Karsai, von den afghanischen Stammesführern 2002 zum Übergangspräsidenten bestimmt, geht als klarer Favorit ins Rennen. Er gehört der größten Volksgruppe, den Paschtunen, an und kann schon deshalb mit einem beachtlichen Teil der Stimmen rechnen. Von den übrigen 17 Kandidaten gelten zudem lediglich der usbekische Regionalfürst Abdul Raschid Dostum und der frühere Innen- und Erziehungsminister Junis Kanuni als politische Schwergewichte. Kanuni repräsentiert die so genannte Nordallianz des ermordeten Volkshelden Ahmed Schah Massud, die zunächst gegen die sowjetische Besetzung und später gegen das Talibanregime kämpfte.

Die UN wollen allen Kandidaten die Möglichkeit geben, ihre Botschaften öffentlich zu machen. Sie planen Radio- und Fernsehdiskussionen, in denen die Konkurrenten gegeneinander antreten. Doch selbst die wenigen Afghanen, die einen Fernseher oder ein Radio besitzen, werden voraussichtlich den Bewerber wählen, der von ihrem Stammesführer favorisiert wird. Eine demokratische Kultur ist den meisten Afghanen noch fremd.

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