Politik : Der Gegenschlag: Ins Chaos treiben

Malte Lehming

Bisher geht offenbar alles nach Plan. Zumindest die erste Phase im Kampf gegen den Terrorismus ist erfolgreich abgeschlossen. Die wenigen Flugzeuge des in Afghanistan herrschenden Taliban-Regimes und deren Flugabwehrstellungen sind ebenso zerstört worden wie die wichtigsten Kommandozentralen und Trainingscamps des "Al-Qaida"-Netzwerkes um Osama bin Laden. Die Amerikaner haben die Lufthoheit über dem Land. Seitdem läuft die nächste Phase der "Operation dauerhafte Freiheit". Doch auch sie nähert sich bereits ihrem Ende. Das Ziel besteht darin, die Truppen des Gegners direkt anzugreifen - ob in Stellungen oder in Bunkern. Dadurch soll er weiter geschwächt, die Milizen zermürbt und ins Chaos getrieben werden. Als nächstes steht der verstärkte Einsatz von Hubschraubern und Bodentruppen auf dem Programm.

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? In der ersten Phase kamen vor allem zielgenaue Raketen zum Einsatz, in der zweiten sind es Bomben. "Davon schmeißen wir derzeit eine Menge ab", sagte am Donnerstag lakonisch ein US-Militärexperte. In der Fachsprache konzentrieren sich die Angriffswellen auf zwei Typen - die "bunker buster" und die "cluster bombs". Die "bunker buster" zählen zu den zerstörerischsten konventionellen Waffen im Arsenal der US-Armee. Sie wurden erstmals im Golfkrieg eingesetzt.

Die Cluster-Bomben wiederum, die auch im Kosovo-Krieg eingesetzt wurden, haben eine ungeheuer große Streuwirkung. Ihre genaue Bezeichnung heißt "CBU-89 Gator" (Cluster Bomb Unit). Eine einzige dieser so genannten "area munitions" wiegt etwa 450 Kilogramm. Sie richtet schwere Zerstörungen an, weshalb sie nur in eindeutig militärisch genutztem Gebiet angewendet werden sollte. Die Gefahr, dass andernfalls Zivilisten getroffen werden, ist groß.

Als nächstes steht der Einsatz von Bodentruppen an, die von tief fliegenden Kampfhubschraubern begleitet werden. Die Reichweite dieser Hubschrauber ist allerdings begrenzt. Inzwischen jedoch hat Pakistan entgegen seiner bisherigen Linie die Erlaubnis für die Benutzung von zwei Flughäfen erteilt.

Wie es danach weitergeht, zeichnet sich erst in Umrissen ab. Offenbar gibt Washington der oppositionellen Nordallianz, die von Iran und Russland unterstützt wird, nicht mehr unbeschränkt grünes Licht für eine Eroberung Kabuls. Um eine ähnliche Anarchie zu vermeiden, wie sie während des Bürgerkriegs herrschte, müsse zuvor die Frage geklärt werden, wie sich eine künftige Regierung in Afghanistan zusammensetzt, die von den verschiedenen Bevölkerungsgruppen akzeptiert werden kann.

Eine Ausdehnung der Militäroperation auf andere Länder scheint hingegen nicht unmittelbar bevorzustehen. Vor wenigen Tagen hatte der amerikanische Vertreter bei den Vereinten Nationen mit einem Brief für entsprechende Gerüchte gesorgt. Darin war dem Sicherheitsrat in New York mitgeteilt worden, dass sich die USA die Entscheidung vorbehielten, auch andere Staaten anzugreifen, die den Terrorismus unterstützen. Zumindest was den Irak anbelangt, der bislang als Hauptkandidat galt, gibt es aber offenbar keine Beweise für eine Mitschuld an den Anschlägen vom 11. September. Laut "New York Times" haben selbst israelische Geheimdienstexperten kein einziges Indiz gefunden.

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