Politik : „Der Hauptschulabschluss ist ein soziales Stigma“

Soziologe Kraemer sieht gute Grundbildung als Voraussetzung für ein flexibles Arbeitsleben

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Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck hat vor einem wachsenden „Unterschichtenproblem“ in Deutschland gewarnt. Zu viele Menschen fänden sich, ohne Hoffnungen zu haben, mit ihrer Situation ab – materiell und kulturell. Teile der Bevölkerung gäben das Streben nach sozialem Aufstieg auf. Der Soziologe Klaus Kraemer erklärt ihre Schwierigkeiten im Interview vor allem mit fehlender Bildung und ungeeigneten Arbeitsangeboten.

Wer ist das – die Unterschicht?

Als Soziologen definieren wir so Menschen in einer sozialen Lage, die weitgehend abgekoppelt ist von den Möglichkeiten, die eine Gesellschaft ansonsten bietet – die Leidtragenden einer Spaltung im Bildungssystem, im Arbeitsmarkt oder im Gesundheitswesen. Die Schere zwischen diesen Abgekoppelten und dem Rest der Gesellschaft wird immer größer. Der Hauptschulabschluss wird nicht mehr als Qualifikation wahrgenommen, sondern ist ein soziales Stigma geworden, das den Inhaber im Grunde vom Arbeitsmarkt ausschließt: Er ist mit großer Wahrscheinlichkeit von Dauerarbeitslosigkeit betroffen.

Was können diese Menschen machen, wenn sie sich nicht mit ihrer Situation abfinden wollen, wie Kurt Beck kritisiert?

Sie sind prädestiniert für „prekäre Jobs“ – alle Formen von befristeter Arbeit: Zeitarbeit, Werkverträge, schlecht bezahlte Arbeit; alles, was jenseits von regulärer Beschäftigung passiert. Damit wird ihr Alltag, ihr ganzes Leben weniger planbar. Aus „prekärer Beschäftigung“ finden in der Regel nur Menschen mit guter Bildung zurück in stabile, lukrative Beschäftigungsverhältnisse. Alle anderen suchen Auswege – zum Beispiel in Schwarzarbeit. Davon haben sie subjektiv mehr als von unterbezahlten Gelegenheitsjobs.

Kann der Staat da noch gegensteuern? Entsteht überhaupt genug neue Arbeit?

Es gibt inzwischen eine soziale Vererbung von Benachteiligung: Auch die Kinder benachteiligter Eltern haben schlechte Chancen zu einem Aufstieg. Das bundesrepublikanische Versprechen, dass jeder an den Möglichkeiten einer modernen Gesellschaft teilhaben und sichere Arbeit haben kann, ist gebrochen. Die Politik hat lauter neue Formen von Arbeit erfunden – die aber alle keine nachhaltigen Effekte haben. Der Staat müsste nicht immer mehr „irgendwelche“ Arbeit schaffen, sondern muss „gute“ Arbeit fördern. Der Arbeitsmarkt muss nicht nur flexibler werden, sondern auch neue Formen von sozialer Sicherheit anbieten.

Gibt es denn Alternativen zur klassischen, lebenslangen Erwerbsbiografie?

Ich bin da sehr skeptisch. Der Wunsch nach Erwerbstätigkeit ist heute noch viel größer als vor 20 Jahren, das liegt auch in den gestiegenen Ansprüchen der Frauen an den Arbeitsmarkt in den vergangenen 30 Jahren begründet. Und der Arbeitsplatz bietet ein sehr wichtiges Forum der sozialen Kommunikation. Wenn dieser Wunsch, das Versprechen auf Arbeit, enttäuscht wird, ist das demotivierend. Ehrenamt und Bürgerarbeit sind – auch als Ergänzung zu dem viel diskutierten Bürgergeld – vor allem für die interessant, die erfolgreich im Arbeitsmarkt sind: Die können an Bruchstellen ihrer Arbeitsbiografie anders aktiv werden – zum Beispiel kurz nach dem Studium, in Übergangsphasen des Arbeitslebens, oder später als Rentner, die noch aktiv sein wollen. Und Erwerbsarbeit verstärkt auch die soziale Kompetenz – die Politik darf nicht aufgeben, bessere Arbeit zu schaffen, da hat Beck schon recht.

Das Gespräch führte Carsten Werner.

Dr. Klaus Kraemer (44) vom sozial-wissenschaftlichen Forschungsinstitut „Arbeit Bildung Partizipation“ an der Ruhr-Universität Bochum forscht über „prekäre Arbeit“.

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