Der künftige Bundespräsident : Der Kandidat will darüber nicht sprechen

Gauck hält einen Vortrag in Lodz. Nicht ums Amt soll es gehen, sondern um Freiheitsliebe – zur Abwechslung um die der Polen.

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Treffen in Lodz. Bartoszewski (rechts) und Gauck am Donnerstag.
Treffen in Lodz. Bartoszewski (rechts) und Gauck am Donnerstag.Foto: dpa

Das Gewicht des Amtes lastete schwer im „Roten Hörsaal“ der Fakultäten Recht und Administration der Universität Lodz. „Keine Fragen zum aktuellen Zeitgeschehen“, bittet der Rektor inständig, zeigt sich dann aber besonders dankbar dafür, dass Joachim Gauck diesen Vortrag „trotz der neuen Umstände“ nicht abgesagt habe. Die neuen Umstände sind die für den 18. März erwartete Wahl Gaucks zum deutschen Bundespräsidenten. Der parteilose einstige Pastor aus der DDR und spätere Chef der Stasiunterlagenbehörde soll dem Amt nach zwei vorzeitigen Rücktritten die Würde zurückgeben.

Gauck gibt sich vor dem Hörsaal trotz Bodygards frei und gut gelaunt. Erst als die Rede des Rektors auf die baldige Wahl zum Bundespräsidenten kommt, verfinstert sich sein Blick. „Ich habe eine Menge eigener Vorstellungen über das deutsch- polnische Verhältnis, aber ich will darüber nicht sprechen“, leitet er seinen Vortrag ein, der an der Uni mit dem Titel „Die Freiheit als Chance und ständige Herausforderung“ angekündigt wurde. „Dies würde mir als Anmaßung ausgelegt“, begründet Gauck. Im Publikum sitzt Wladzislaw Bartoszewski als Vertreter des polnischen Staatspräsidenten. Gauck spricht von Jugendliebe, Pubertät und anarchischem Aufbegehren, doch biedert er sich den zahlreich erschienen Studenten – auch sprachlich – nie an.

Hier spricht vielmehr ein Intellektueller über die Freiheit aus der Sicht eines Osteuropäers, der sich seinen Handlungsspielraum erst teuer erkämpfen musste. Ohne Verweis auf sein baldiges Amt geht dies dann dennoch nicht. Der könne ja nur Freiheit, habe man ihm vorgeworfen, leitet Gauck seinen Vortrag abweichend vom Manuskript ein. Die Freiheit im Sinn zu haben, gefalle gerade in Deutschland nicht allen. Angst, Verdruss und Unbehagen verkauften sich dort viel besser. „Der Deutsche fühlt sich gerne wohl, wenn er sich unwohl fühlt“, sagt Gauck und erntet unter den höflichen polnischen Studierenden nun doch verhaltenes Gelächter. „Mir imponierte die immer wieder aufflammende polnische Freiheitsliebe – dieses Vermögen vieler Polen, das Unmögliche zu wagen“, sagt Gauck und erzählt von seinen ersten Polenreisen. Er sprudelt geradezu über, wenn er von den Kontakten der DDR-Opposition mit Gleichgesinnten in anderen Ostblockländern spricht. Über polnische Freiheitsträume und beklemmende deutsche Rationalität „könnte ich nun richtig predigen, aber ich habe ja einen richtigen Text und muss diszipliniert sein“, lenkt er sich wieder in die Bahn.

Vorsicht ist angesagt. Der Akademiker Gauck tut manchem Zuhörer richtig leid. Doch der Ex-Pastor kann nicht aus seiner Haut. „Mann, jetzt habe ich ja doch über das Spätere gesprochen“, fasst er sich nach einer Abschweifung zur Faszination der Piratenpartei an den Kopf. „Ich bin froh, dass ich noch lernen darf“, sagt Gauck am Ende von Vortrag und Diskussion. Gelacht hat er im „Roten Hörsaal“ übrigens nur auf eine Frage zum baldigen Führungstandem Gauck-Merkel. Sonst Standhaftigkeit pur: „Ich bin etwas erkältet, da höre ich manche Fragen nicht.“

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