Politik : Der Mensch ist entziffert: US-Unternehmen wegen Gentests verklagt

Malte Lehming

Washington. In den USA ist zum ersten Mal ein Unternehmen verklagt worden, weil es Mitarbeiter genetisch untersuchen ließ. Die Klage gilt als Präzedenzfall, ob ein Unternehmen berechtigt ist, genetische Informationen über seine Mitarbeiter einzuholen und auszuwerten.

Ein großes Eisenbahn-Unternehmen im US-Bundesstaat Iowa, die Burlington Northern Santa Fe Railway Company, wird beschuldigt, von einigen Mitarbeitern Blutproben verlangt und entnommen zu haben, ohne sie darüber zu informieren, dass diese Blutproben für genetische Tests verwendet würden. Mindestens ein Mitarbeiter behauptet, die Probe verweigert zu haben. Daraufhin sei ihm mit Kündigung gedroht worden. Zwei weitere Mitarbeiter behaupten, zwar mit der Blutentnahme einverstanden gewesen, nicht aber über die Genprobe informiert worden zu sein. Die Klage wurde von der Equal Employment Opportunity Commission (EEOC) eingereicht, einer halbstaatlichen Kommission, die sich seit 35 Jahren für Chancengleichheit am Arbeitsplatz einsetzt und Diskriminierungen jeglicher Art bekämpft.

Die Northern Santa Fe Railway Company beschäftigt mehr als 40 000 Menschen. 125 davon hatten das Unternehmen im vergangenen Jahr auf Schadensersatz verklagt, weil sie unter dem so genannten Karpal Tunnel-Syndrom leiden. Das ist eine Krankheit, die Schmerzen und Taubheit in Händen und Armen verursacht. Meist wird das Karpal Tunnel-Syndrom durch sich ständig wiederholende Bewegungsabläufe hervorgerufen. In einigen wenigen Fällen könnte allerdings auch eine genetische Disposition dafür verantwortlich sein, vermuten Mediziner. Wegen dieser Möglichkeit hatte das Eisenbahn-Unternehmen nach eigener Aussage 18 der 125 Mitarbeiter genetisch getestet. Alle 18 Personen seien mit der Blutentnahme und dem genetischen Test einverstanden gewesen, sagt ein Sprecher. Niemand sei genötigt oder gar bedroht worden. Dennoch wolle sein Unternehmen in den kommenden 60 Tagen auf weitere Gentests verzichten.

Die Vorsitzende der EEOC, Ida L. Castro, die die Klage am Freitag im Bezirksgericht von Sioux City (Iowa) eingereicht hat, sagt wiederum: "Die einzig mögliche Erklärung für die Genproben ist, dass sich das Eisenbahn-Unternehmen weigern wollte, Schadensersatz für eine anerkannte Arbeitskrankheit zu zahlen. Das Argument der Firmenleitung wäre gewesen: Wer weiß, vielleicht hätte der eine oder andere Mitarbeiter das Karpal Tunnel-Syndrom auf Grund seiner genetischen Disposition ohnehin bekommen. Deshalb mussten wir eingreifen."

Wie viele Unternehmen in den USA von ihren Mitarbeitern Genproben verlangen, ist unbekannt. In 22 US-Bundesstaaten, darunter Iowa, ist es ihnen allerdings verboten, Genproben bei der Einstellung, Beförderung oder bei anderen arbeitsrelevanten Enscheidungen zu verwenden. Vor einem Jahr hat der damalige US-Präsident Bill Clinton eine derartige Praxis zudem allen bundesstaatlichen Behörden untersagt. In dieser Woche wiederum wollen drei demokratische US-Kongressabgeordnete einen noch weitergehenden Gesetzentwurf präsentieren, der es unter anderem auch Krankenversicherungen verbietet, genetische Tests bei der Auswahl und finanziellen Einstufung ihrer Klienten zu benutzen.

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