Politik : Der Müll des Kalten Krieges

Vor zehn Jahren wurde das Chemiewaffen-Verbot unterzeichnet – dennoch lagern weiter tausende Tonnen Giftgas in den Militärdepots

Roman Heflik

Sie verätzen Haut und Lunge, verklumpen das Blut oder lähmen die Atmung: Chemische Kampfstoffe gehören zu den furchtbarsten Waffen, die Menschen sich ausgedacht haben. Vor genau zehn Jahren einigten sich die Teilnehmerstaaten der UN-Abrüstungskonferenz darauf, ihre gesamten Chemiewaffen zu zerstören und auf die Herstellung neuer Giftgase zu verzichten. 25 Jahre lang war verhandelt worden, bis am 13. Januar 1993 schließlich das Chemiewaffenübereinkommen unterzeichnet wurde, das von Rüstungsexperten als Durchbruch gefeiert wurde. Am 29. April 1997 trat der Vertrag in Kraft, dem zufolge die Welt im Jahr 2007 chemiewaffenfrei sein soll.

Doch noch heute, 13 Jahre nach Ende des Kalten Krieges, lagern in den Militärdepots weltweit etwa 63 000 Tonnen Giftgas, eine Menge, die ausreichen würde, die gesamte Menschheit mehrfach auszulöschen. Staaten wie der Irak, Nordkorea und Libyen, die des Besitzes von C-Waffen verdächtigt werden, sind dem Abkommen gar nicht erst beigetreten, obwohl der Irak nach dem Golfkrieg vom UN-Sicherheitsrat dazu verpflichtet worden war. Gleichzeitig steigt die Angst vor Terroranschlägen mit chemischen oder biologischen Waffen, den „Atombomben des kleinen Mannes“. Diesen Namen tragen Stoffe wie Sarin, Senfgas und VX, weil sie tödlich, billig und relativ leicht zu entwickeln sind. Dass Terroristen tatsächlich C-Waffen selber herstellen können, bewies 1995 die Aum-Sekte mit ihrem Giftgas-Anschlag in der Tokioter U-Bahn: 18 Menschen starben damals an dem freigesetzten Sarin-Gas.

Experten halten das Chemiewaffenübereinkommen dennoch für einen Erfolg. Mittlerweile sind etwa zehn Prozent aller gemeldeten C-Waffen und die Hälfte der Produktionsstätten zerstört worden. „Anders als in den meisten Abrüstungsverträgen haben sich Staaten darauf geeinigt, eine ganze Kategorie von Massenvernichtungswaffen komplett abzuschaffen“, sagt Peter Kaiser, Sprecher der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OVCW). Die Organisation mit Sitz in Den Haag wurde von den Vertragsstaaten geschaffen, um das Abkommen zu kontrollieren. Dazu werden Inspekteure in die Mitgliedsstaaten geschickt, die die Vernichtung der militärischen Bestände überwachen. Auch Industrieanlagen werden von den Kontrolleuren daraufhin untersucht, ob sie der Herstellung von Kampfstoffen dienen. Deutschland als Vertragsstaat muss sich solchen Inspektionen unterwerfen. Chemiewaffen besitzt die Bundesrepublik zwar nicht, aber noch immer werden Giftgas-Granaten aus den beiden Weltkriegen gefunden. Sie werden auf der Kampfmittel-Beseitigungsanlage des Bundes in Munster in speziellen Hochöfen vernichtet.

Die größten C-Waffenarsenale besitzen nach wie vor Russland und die USA mit der offiziellen Menge von 40 000 beziehungsweise 30 000 Tonnen. Während die USA gut im vorgegebenen Zeitplan liegen, wird Russland seine Vertragsfrist voraussichtlich nicht einhalten können. Erst im Dezember 2002 hat das Land seine erste, mit deutscher Hilfe gebaute Entsorgungsanlage in Gorny in Betrieb genommen. Fachleute vermuten, dass Russland einen Teil seiner tödlichen Vorräte gar nicht deklariert hat und bislang einfach vergraben oder im Meer versenkt hat. Grund dafür sind die hohen Kosten: Chemiewaffen zu beseitigen, ist zehn- bis hundertmal teurer, als sie herzustellen.

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