Politik : Der Preis der Einheit: Ihr da drüben werdet uns niemals verstehen

Antje Sirleschtov

Gestern Mittag auf dem verkehrsreichen Berliner Alexanderplatz: Ein Opel mit Dresdner Kennzeichen schleicht auf der linken Spur über die Kreuzung. Der Fahrer kann sich offensichtlich nicht für eine der vielen Fahrspuren entscheiden. Hinter ihm ruckelt es. Zack, einer im Berliner BMW sitzt dem Sachsen auf der Stoßstange. Was jetzt kommt, gehört zur deutsch-deutschen Einheit, wie die Bilder von der Verbrüderung am 9. November 1989: "Fahr nach Hause in Dein kommunistisches Ostdorf", brüllt der BMW-Fahrer. "Du West-Berliner Idiot, geh zurück auf Deine Seite der Mauer", macht sich der Dresdner lautstark Luft.

Ost und West - Zehn Jahre Deutsche Einheit: Immer noch zischen sich die Deutschen auf beiden Seiten der einstigen Mauer Unverstand entgegen, Plattheiten und Vorurteile über (meist) negative Charaktereigenschaften der jeweils anderen Spezies. Ossis und Wessis, konstatiert der Politologe Klaus Schroeder, sind sich heute fremder als je zuvor: "Die Stimmung ist schlecht." Während die Einen über die viel zu hohe Arbeitslosigkeit wehklagen, stöhnen die Anderen über den Subventionstopf, in dem Jahr für Jahr die Milliarden des Westens schier unaufhaltsam versiegen.

Nichts Neues, mag feststellen, wer sich in den vergangenen Jahren mit derlei Ost-West-Befindlichkeitslektüre versorgt hat. Gewiss: Geschrieben wurde über den Graben in Deutschland viel. Viel zu viel, darf resümiert werden. Wurden die Vorturteile doch oft genug durch Autoren und selbst ernannte Schriftsteller nur bestätigt und in bunten Farben ausgemalt. Dennoch kann Interessenten des Ost-West-Stoffes Schroeder, mittlerweile Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU-Berlin, empfohlen werden. Sachkundig trägt der Wissenschaftler empirische und statistische Untersuchungen zusammen, die ihm gestatten sollen, Ursachen für das Unverständnis der Deutschen füreinander und die oftmals unterschiedlichen Bewertungen ein und desselben Ereignisses zu beschreiben.

Geschichtlich stimmig geht Schroeder bei seinen Untersuchungen bis an das Ende des Dritten Reiches zurück. Aus dem getrennten Weg der Deutschen aus dem Nationalsozialismus heraus in zwei unterschiedliche Gesellschaftsformen analysiert der Autor heutige Verhaltensmuster im Umgang miteinander. Der Kalte Krieg hinterließ offenbar doch tiefere Spuren in den Seelen der Deutschen als man allgemein annimmt. Vor allem den Ostdeutschen schreibt Schroeder zu, dass ihnen vom totalitären SED-Regime eine tiefsitzende Abschottung von allem Fremden hinterlassen wurde. Wohl war, denn der Klassenfeind war allgegenwärtig. Und nicht einmal die, die sich und ihre Familien vor der Indoktrination der sozialistischen Erziehung geschützt haben, konnten dieser Feind-Bildung vollständig entgehen. Wen wundert es, dass viele Ostdeutsche - auch, wenn sie es im Alltag kaum artikulieren - tief sitzenden Unmut über eine Kolonialisierung des Ostens durch den Westen Deutschlands nicht abschütteln können.

Unideologische Darstellung der wirtschaftlichen Entwicklung auf beiden Seiten der Mauer: Klaus Schroeder, in Lübeck geboren, trägt faktenreich zusammen, welche wirtschaftlichen Strukturen beide Teile Deutschlands in den vergangenen vierzig getrennten Jahren entwickelt haben. Er vergleicht die Verhaltensmuster der Menschen, stellt dar, welche unterschiedlichen Bedürfnisse sie befriedigen wollten und kommt zu dem Schluss, dass es gar nicht wundern darf, wenn die neuen Bundesländer beim Aufbau marktwirtschaftlicher Strukturen ein anderes Tempo anschlagen und andere Prioritäten haben als es die Mitbürger in den westlichen Ländern erwarten.

Ob die ersten zehn Jahre deutsch-deutscher Gemeinsamkeit nun eher ein Erfolg oder eher ein Desaster waren: Klaus Schroeder hält sich mit pauschalen Wertungen zurück. Bis ans Ende seines Buches verpflichtet er sich der Sachanalyse. Angesichts der pluralistischen Entwicklung in Deutschland empfiehlt er das Buch "Der Preis der Einheit" damit einer breiten Leserschaft.

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