Politik : "Der ruhelose Rebell": Radikaler Wanderprediger

Stefan Berkholz

"Plättner ist zweifellos eine Persönlichkeit, über die man nicht so ohne weiteres zur Tagesordnung übergehen kann", hieß es in einer Gerichtsreportage der "Vossischen Zeitung" von 1923. Und weiter: "Er stammt, wie es heißt, aus allereinfachsten Verhältnissen, hat sich aus dieser Tiefe herausgearbeitet und einen immerhin erstaunlichen Bildungsgrad sich angeeignet."

Wohlwollende Töne in einer bürgerlichen Zeitung. Angeklagt war ja der "mitteldeutsche Bandenführer" und "Wanderredner der KPD" Karl Plättner. Bewaffnete Raubüberfälle wurden ihm zur Last gelegt. Plättner zählte, neben Max Hoelz, dem berüchtigten "Räuberhauptmann aus dem Vogtland", zu den radikalsten seiner Generation.

Enteignet die Besitzenden, lautete die Parole in den wenigen Monaten des Jahres 1921, und ein paar verwegene Burschen (und auch Frauen im übrigen) verbreiteten Angst und Schrecken unter den Wohlhabenden. "Propaganda der Tat", hieß das, ein ungesetzlicher Kleinkrieg gegen die Institutionen sollte die revolutionäre Stimmung im Lande wieder anheizen. Und durch die Verteilung der Beute unter den Armen hoffte man auf breite Unterstützung.

Ein Trugschluss, wie sich schnell herausstellte, Plättner hatte zu büßen. Lange Zeit seines Lebens verbrachte er in der Illegalität oder hinter Gittern, von 1922 bis 1928 war er im Gefängnis, seit 1937, mit Unterbrechungen, im KZ.

Überwacht und drangsaliert

Dieser unbekannten Figur und einem wenig beleuchteten Kapitel aus der Frühgeschichte der Weimarer Republik geht eine kleine, sehr abgewogene Biografie von Volker Ullrich nach. Karl Plättner, 1893 geboren, stammte aus dem Arbeitermilieu, hatte sich früh, schon im Kaiserreich, politisch engagiert, war beobachtet worden, überwacht, drangsaliert. Im Ersten Weltkrieg radikalisierte er sich dann.

"Schreite voran im Kampf!", hieß es in seinem Aufruf an die oppositionelle Jugend im Juli 1917, "Du bist die Zukunft! Du bist die Macht! Deine Stunde ist da! Heraus zum Kampf!" Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. Plättner wurde verhaftet, kam frei in den Tagen der Revolution, engagierte sich im Bremer Arbeiter- und Soldatenrat. Noskes Truppen triumphierten. Karl Plättner floh, tauchte unter - und kam nie mehr zur Ruhe, blieb immer auf der Flucht, lebte in Aufruhr und Hektik.

Ein Berufsrevolutionär also? Ein früher Ahn der Baader-Meinhofs gar? Volker Ullrich streift diesen Aspekt nur kurz in der Einleitung und verzichtet im weiteren auf kurzatmige Aktualisierungen. Aber er unterlässt es dann leider, die Zeit und die Geschichte dieses Rebellen so nüchtern wie möglich zu betrachten, wiederholt meint er, sich distanzieren zu müssen, mit dem Blick auf bundesdeutsche Verhältnisse.

Die "Vossische Zeitung" beschrieb Plättner 1923 keineswegs als Ungeheuer, sondern als Mensch mit durchaus sympathischen Zügen: "Er ist mittelgroß, von gedrungener Gestalt. Sein Gesicht ist außerordentlich markant, bleich, und ein Paar kluge, fanatische Augen leuchten daraus hervor. Über der hohen Stirn steht ein aufgebürsteter Scheitel, der dem ganzen Gesicht etwas Künstlerhaftes gibt. Das ist eigentlich nicht das Gesicht eines Propagandisten der Tat, sondern vielmehr das eines feingebildeten Mannes mit künstlerischen Neigungen."

Mittelgroß - das meinte 1,56 Meter klein; außerordentlich markant - das verunglimpften zu jener Zeit viele schon als jüdisch; und feingebildet - das hieß Selbststudium unter ärmlichsten Verhältnissen.

Mitteldeutscher Bandenführer

In zwei Büchern erzählte Plättner selbst von seinem Leben. 1929 veröffentlichte er seine Gefängniserinnerungen unter dem Titel "Eros im Zuchthaus". Als "Leidensbeichte von unerhörter Aufrichtigkeit" hob Erich Mühsam das Buch hervor. Plättner hatte, am eigenen Beispiel, die Sexualnöte im Gefängnis geschildert.

Ein Jahr später gab er dann seine Lebenserinnerungen unter dem Titel "Der mitteldeutsche Bandenführer" heraus. Das Buch fiel durch bei der Kritik, sogar Erich Mühsam lehnte es ab, weil es allzu selbstverliebt ausgefallen war. Plättners schriftstellerischer Elan war beendet.

Im letzten Kapitel gelingt es Ullrich, den tragischen Lebensweg Plättners auf eindringliche (und nun auch wenig kommentierte) Weise zu schildern. "Als Proletarier und als politische Klassenkämpfer sind wir Tote auf Urlaub", hatte Plättner in der Weimarer Republik vor Gericht erklärt, nun erfüllte sich sein Schicksal.

Obwohl er sich unter Hitler offenbar politisch nicht mehr betätigte, obwohl er als Brennstoffhändler für seine Familie sorgte, entging er den Nazis nicht. Angezeigt und verraten von einem wohl anständigen Mitläufer, kam Karl Plättner 1937 erstmals ins KZ und starb, nach jahrelanger Haft, unmittelbar nach der Befreiung an den Folgen der Misshandlungen.

Die Biografie von Volker Ullrich schließt eine Lücke. Man erfährt zwar wenig vom Privatleben des "Bandenführers", so viel gaben die Akten über das Mysterium Plättner offenbar nicht her. Doch Ullrich hat ein anschauliches Buch über eine politische und rebellische Geschichte in Deutschland verfasst, die bisher unterbelichtet war.

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