Politik : Der Schrittmacher

„Schuhe“ zu sagen, meint in Wirklichkeit nicht die Schuhe, sondern eine bestimmte Art, einen Raum zu durchqueren. Das kann die Antarktis sein oder die Tanzfläche einer Disco zu Silvester.

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2013
2013Foto: mauritius images

Freiwillig ist er auf keinen Fall hier. Ein Junge, circa 17-jährig, läuft seit mehr als einer Stunde in einem Paar schwarze Herrenhalbschuhe über das Laminat eines Berliner Schuhgeschäfts. Angestrengt in Richtung Boden lauschend. Seinem Gesicht ist deutlich anzusehen, dass ihn etwas quält. „Nein“, sagt er, ohne den Lauf zu unterbrechen, „es sind nicht die Sohlen.“ Die Sohlen quietschen. „Es sind die Schritte. Ich rolle irgendwie nicht gut ab.“ Die Verkäuferin dreht ihr Gesicht zu Wand, damit keiner sieht, wie sie allmählich die Geduld verliert. „Man spürt doch, ob einem der Schuh passt oder nicht“, sagt sie. Der Schuhsucher, mager und über einen Meter 90 in die Höhe geschossen, horcht erschrocken auf. „Es tut mir leid“, sagt er. Dann lässt er sich erschöpft auf eine Holzbank fallen.

Er hat seinen Gegner unterschätzt. Hat geglaubt, Schuhe seien ein Thema, das sich an einem Samstagnachmittag schnell mal erledigen lasse. Das war ein Irrtum. Tatsache ist vielmehr, dass man gegen Schuhe leicht verlieren kann. Mächtig genug sind sie allemal.

Es beginnt damit, dass sie den Eindruck vermitteln, sie könnten jederzeit ohne einen dazugehörigen Menschen leben. Kein anderes Kleidungsstück strahlt diese Selbstsicherheit aus. Als Paar treten sie auf. Sie einzeln am Straßenrand wiederzufinden, ist das Seltsamste, was Schuhen geschehen kann. Als sei eine Geschichte mitten im Satz abgebrochen und könnte nun niemals zu Ende erzählt werden.

Der erste Besitzer richtig schicker Schuhe war der Götterbote Hermes. Goldene Flügelschuhe schenkte Zeus ihm, dem Lieblingssohn, und machte ihn zum schnellsten aller Götter. Man wird den Verdacht nicht los, dass Schuhe heimlich im dunklen Flur über Menschenfüße und ihre plumpen Fehltritte lästern. Wie mühsam, wie ungeschickt, wie schleppend. Um doch, wie tapfer, den nächsten Schritt noch dranzuhängen. Das Risiko einzugehen. Selbstverständlich, Schuhe lassen sich einsperren und als Fetisch besitzen. Man kann sie zuweilen herausnehmen und sich die Schritte und das neue Leben dazuträumen. Es gibt Frauen, die „ach, wir Frauen lieben Schuhe“ sagen und dazu in eine Kamera zwinkern. Im Grunde aber ist das nichts als Feigheit vor dem Feind. Eine narzisstische Selbstbespiegelung, die dem Irrglauben anhängt, die Schuhe an sich seien die Nachricht, wo es in Wahrheit die Schritte sind, die in ihnen gemacht werden.

Schuhe und Schritte sind in der menschlichen Fantasie innig verknüpft. „Schuhe“ zu sagen, meint in Wirklichkeit nicht die Schuhe, sondern eine bestimmte Art, einen Raum zu durchqueren. Das kann die Antarktis sein oder die Tanzfläche einer Disco zu Silvester. Oder, und das würde Bette Davis die Gelegenheit bieten, sich zu Wort zu melden, die Bühne des Theaters.

„I hate pussyfooting“, entschied die Schauspielerin über ihre Art, das Leben und die Kunst zu meistern, und lehnte den Vorschlag der Requisite, ihr die Sohlen abzudämpfen, auf dass ihre Schritte weniger dominant klingen würden, ab. „I want to be heard.“ Kein Dezibel Trittschall gab die Diva verloren. Als ihren Antipoden muss man sich wohl den Leisetreter denken. Einen Schmeichler. Jemanden, der anstelle von Fußabdrücken eine Kriechspur hinterlässt, der nie ein Glas zu viel trinkt, aus Angst, er könnte sich beruflich schaden. So jemand feixt, wenn der Konkurrent den Tritt verliert.

Wieder anders jener Herr im Rubens-Saal der Staatlichen Gemäldegalerie Kassel, der sich breit in die Brust wirft und seinen Stiefel demonstrativ auf den aschgrauen Körper des toten Feindes stellt, was mit „iihhhh, ist das fies!“ ein Knirps von neun Jahren kommentiert. „Triumph des Siegers“ ist der Titel des Bildes. „Noch nie was davon gehört, dass Nachtreten böse ist?“, fragt der Junge und würde Peter Paul Rubens’ 1807 von Napoleon nach Paris entführtes Gemälde am liebsten sofort vom Platz stellen. Die Museumswärterin versichert, das sei völlig unmöglich.

Der Stiefel der Eroberer, der Krieger – zur Geschichte der Schuhe und Schritte gehört der harte Klang von Stiefelabsätzen auf Stein, die Stiefeltritte eines Gutsherrn gegen die schwangere Magd. Kein Schuh ist „phallischer“, hierarchischer als der hohe Stiefel. Kein Schuh entfaltet demonstrativer Lust an der Macht. Kennt jemand den „Stiefelknecht“? Gemeint ist eine hölzerne Trittvorrichtung, mit der sich lange Schaftstiefel ohne fremde Hilfe ausziehen lassen. Das Detail lässt Rückschlüsse darauf zu, warum Männer in demokratischen Gesellschaften besser daran tun, nicht in Schaftstiefeln im Büro zu erscheinen, und sich der Stiefel nur noch hinter Kasernenmauern oder auf dem Reitplatz findet. Interessanterweise bleibt er heute im Straßenbild den Frauen überlassen, und es wäre darüber zu spekulieren, ob das als Zeichen für gewachsenes weibliches Selbstbewusstsein oder vor allem als Lust am erotischen Fetisch zu deuten ist.

Das gestiefelte Frauenbein jedenfalls steht in einer anderen Deutungslinie als sein männliches Gegenüber. Sämtliche Symbolbücher klären uns darüber auf, und auch nach Sigmund Freud wäre der Frauenschuh nichts weiter als das Symbol des weiblichen Genitals. Der Schuh ist das, wohinein der Fuß gleitet.

Als Sündenschuh kennt ihn die Kirche, als Adamsschuh, der unsere Schritte ins Verderben führt. Der dänische Dichter Hans Christian Andersen ließ ein armes Mädchen seine roten Schuhe und die darinsteckenden Füße abhacken, damit wieder gottesfürchtige Ruhe herrsche. Tanzende Schuhe sind am gefährlichsten. Ganze Legionen von Prinzen mussten ihr Leben lassen, um deren Geheimnis zu ergründen. Ein verwundeter Soldat hat es schließlich geschafft. Durch eine Falltür, durch silberne, goldene, diamantene Baumgänge ist er zwölf vergnügungssüchtigen Prinzessinnen in die Nacht gefolgt, um sie und ihre heimlichen Liebhaber am anderen Morgen beim Vater zu verpetzen. Der Schuh stellt die Probe. Ein Orakel ist er, ein Unterpfand auf den Körper der Frau.

Lars von Trier hat in „Antichrist“ die Frage der Schuhe sogar zu einem Fall von weiblichem Satanismus stilisiert. Eine Mutter zieht ihrem Sohn die Schuhe falsch herum an. Sie verstößt gegen die natürliche Ordnung, sie opfert das eigene Kind dem Fürsten der Finsternis.

In animistischen Denksystemen hat man geglaubt, durch Fußsohlen, insbesondere durch weibliche Fußsohlen hindurch würden in der Erde lebende Geister und Dämonen den Menschen drohen. Schuhe funktionieren so gesehen als Barriere und Schutz. Trägt der Teufel eigentlich Schuhe? Bocksfüßig wie er sein soll? Ein miserabler Tänzer müsste er doch sein im Vergleich etwa zu den griechischen Göttern, die ihrerseits einen Ruf als ideale Tänzer haben. Allerdings sind sie zu faul und streitsüchtig, um selbst zu tanzen, und schauen deshalb lieber zu. Die Tänzerinnen wissen das.

Irgendjemand sieht ja immer zu. Selbst an einem grauen Wintermorgen beim Training an der Stange des Berliner Staatsballetts. Schulkinder, alte und junge Damen und Herren, die vielleicht einmal davon geträumt haben, Tänzerin oder Tänzer zu werden, oder beim Zusehen das Gefühl genießen, ein Hundertstel der Anmut und Schwerelosigkeit würde sich telepathisch auf den eigenen Gang übertragen. Wer weiß das schon. Vor Staunen jedenfalls vergessen die Kinder, den Mund zu schließen.

Ein Lehrbuch des russischen Balletts nennt den Tanz eine Abstraktion. Leicht und präzise haben seine Schritte zu sein, und sie sollten wirken, als könnten sie an Sterblichen nicht vorkommen.

Ballettmeisterin Alessandra Pasquali verteilt Aufmunterungen. „Be nice to your feet, not just for ballet“, sagt sie und spürt noch die letzte Schläfrigkeit auf. „Your feet do so much for you.“ Seid nett zu euren Füßen, sie tun so viel für euch. Die Tänzerinnen lächeln milde. So als habe die Ballettmeisterin sie an eine sehr lange und alte Geschichte erinnert, die von ungezählten Stunden und einer nie endenden Arbeit an der eigenen Haltung handelt. An geschundene Füße und haufenweise Pflaster, Salben und Bandagen. Aber was hilft’s? „Very tidy footwork, Ladies!“, verlangt Alessandra Pasquali, „Battement tendu.“ Vor, zur Seite, rück. Das Spielbein auf einer Gerade mit der Ferse des Standbeins, und demi-plié, und keinerlei Gewicht auf den Zehenspitzen des Spielbeins bitte. „Don’t put weight on the toe.“

2008 fragte der verantwortliche Gartenmeister von Versailles bei einem Spaziergang durch den herbstlichen Park die weltberühmte Ballerina Sylvie Guillem, was sie empfehlen würde, wenn er, der bereits beim Slowfox Rückenschmerzen bekäme, sie bitten würde, mit ihm zu tanzen. Sylvie Guillem, eine der technisch besten Tänzerinnen aller Zeiten und 1984 von Rudolf Nurejew zum jüngsten Stern des Balletts der Pariser Oper ernannt, sagte ihm, was in diesem Falle zu tun sei: „Wir fassen uns an den Händen. Sie nehmen meine Taille und drehen mich im Kreis. Und schon tanzen wir.“ Es kling wunderbar einfach. Wie eine Ermutigung – nicht allein für den Gärtner.

Es besteht also Hoffnung, dass sich die erdige, klumpige Schwere der eigenen Schritte – irgendwo zwischen dem Abrollen des einen und dem Aufsetzen des anderen Fußes – in etwas heiter Selbstvergessenes verwandeln lässt. Als eine Essenz der Schritte hat man den Tanz oft beschrieben, als das Gegenteil von Trauer und Gewalt.

Ähnliches hat Michael Haneke mit seinem Film „Liebe“ in jüngster Zeit getan. Auch er hat eine Essenz, die der Liebe, formuliert und dabei ist eine der schönsten Schuhe-Schritt-Kombinationen entstanden: In der Rolle des Georges tapst Jean-Louis Trintignant durch unser Herz und Gewissen. In Turnschuhen setzt er die Füße beim Gehen auswärts, wie ein zweiter Chaplin. Keine eleganten Schuhe, keine Herrenstiefel. Nichts davon würde sich mit der Liebe von Georges zu seiner kranken Frau Anne vertragen. Darauf angesprochen, reagiert Michael Haneke mit einer für ihn typischen Zurückhaltung. Der Gang, sagt Haneke, sei keine Chaplin-Anspielung, sondern „den physischen Konditionen Jean-Louis Trintignants geschuldet“. Und auf die Idee mit diesen klobigen, mindestens eine Nummer zu groß wirkenden Schuhen „sind wir gekommen, weil alte Menschen zwecks Bequemlichkeit oft moderne Turnschuhe tragen. Schuhe, die man an- und ausziehen kann, ohne sich zu bücken.“ So einfach ist das, wenn es nicht mehr darum geht, dass Schuhe dem Ego schmeicheln müssen.

Ein altes Sprichwort sagt, dass man einen Menschen erst beurteilen könne, nachdem man eine Weile in seinen Schuhen gelaufen ist. Erst dann wisse man, wo es drückt, wie das Leben sich anfühlt, das der andere durchwandert. Modeleute halten dagegen. Bei der Wahl der Schuhe sei Eigennutz die einzige Devise. Die falschen Schuhe ruinieren jedes Outfit.

Beide haben sie ihre Gründe, nur eingestehen können sie es einander nicht. „Fashion!“ schreien die einen und „Demut!“ die anderen. Es ist wie auf einem Treffen zweier verfeindeter Clans. Ein Statussymbol ist der Schuh, als High Heel strafft er die Linien von Schenkel und Po. Ein Zeichen von Ungerechtigkeit ist er, wenn man ihn gar nicht besitzt oder ihn in einer schlecht belüfteten Fabrikhalle zu Niedriglöhnen herstellen muss.

Eine Schuhverkäuferin am Berliner Kurfürstendamm sagt: „Schuhe sind Trost.“ Für Tage, an denen man nicht in den Spiegel schauen wolle. An den Füßen werde man nicht so schnell dick, das sei praktisch. Ob sie einen Trend ausmachen könne? Die Verkäuferin ist unschlüssig. „Reich sollten sie aussehen, und ach ja, ziemlich spitz sein.“

Der Fußdoktor gruselt sich. Zum Schluss bekommen nämlich die Füße Recht. Olaf Hasart, Arzt für Arzt für Muskuloskeletale Chirurgie an der Charité und speziell vertraut mit dem kleinen, aber feinen operativen Spektrum der Füße, kommt gerade „aus dem Saal“, dem OP. „Ach ja, die Füße“, sagt er. „Füße sind sehr empfindlich, und die meisten Menschen gehen unachtsam mit ihnen um.“ Da werden Schmerzen abgetan. Soll er sich nicht anstellen, der dumme Fuß. Die kleinen Muskeln bleiben in diesen engen Schuhen unbenutzt. „Unsere Sehnen und Gelenke leiden.“ Er nennt den Fuß „verzeihend“. Vergleicht ihn mit einem Charakter, „der sich entwickeln muss.“ Was er braucht, sind Erfahrungen, die ihm etwas zeigen von der Welt.

Die Verkäuferin hat kapituliert. Sie versteckt sich hinter einem Stapel Winterboots. Der junge Mann will sich nach zwei Stunden das zuletzt probierte Modell vielleicht erst mal aufschreiben. Doch dann, wie aus dem Nichts, sagt er plötzlich: „Ich glaube, ich nehme die.“ Die Verkäuferin kommt aus ihrem Versteck. Sie traut ihren Ohren nicht. „Haben Sie sich das auch gut überlegt?“, fragt sie erschrocken. „Nicht, dass Sie mir die Schuhe am Montag wieder zurück bringen!“ „Nein, bestimmt nicht“, verspricht der junge Mann. Für einen Augenblick wirkt die Verkäuferin gerührt. Sie sieht aus, als würde sie dem jungen Mann alles Glück dieser Erde wünschen. Auf dass es, wie man so sagt, im nächsten Jahr gut für ihn laufen möge.

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