Politik : „Der Streik ist tot, der Protest muss leben“

An den Berliner Hochschulen bröckelt die Front der Aktivisten: Die Studenten der Humboldt-Uni beschließen Teilzeitarbeit

Tilmann Warnecke

Die Berliner Universitäten beginnen, sich vom Streik zu verabschieden – aber ganz langsam. Den Anfang machten am Montag die Studierenden der Humboldt-Uni. Auf einer turbulenten Vollversammlung wurde nach fünf Stunden erbittert geführter Diskussionen und einem geschickt-kompliziert geleiteten Abstimmungsmarathon zunächst eine Art Teilzeitarbeit beschlossen: Vom kommenden Montag an gilt für Studenten und Lehrende der HU die Ein-Tage-Unterrichtswoche; nur noch an vier Tagen sollen Vorlesungen boykottiert werden.

Peter Hartig, Sprecher des HU-Aktionsrates, gab nach der Sitzung zu: „Diesen Beschluss kann ich mir auch nicht so richtig erklären." Da hat es die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft leichter – hier beendeten die Studenten den Streik kompromisslos. Und in den kommenden Tagen stehen weitere Abstimmungen an: am Mittwoch an der Technischen und der Freien Universität sowie an der Alice-Salomon-Fachhochschule, am Donnerstag an der Universität der Künste.

Seit November hatten die Studenten vor allem gegen die Sparbeschlüsse des Senats protestiert. Jetzt wächst offenbar bei vielen die Sorge, wegen des Streiks ganze Semester zu verlieren. So erzielten die Streikkritiker an der Humboldt-Uni bei der ersten Abstimmung einen knappen Erfolg: 1980 Studenten votieren gegen eine Fortführung des „Vollstreiks“, 1800 dafür.

Das aber war erst der Auftakt: Per Hammelsprungverfahren, bei dem zur besseren Auszählung jeder Teilnehmer entweder durch eine Ja- oder eine Nein-Tür gehen musste, wurde abgestimmt, wie die Uniwoche künftig aussehen soll. Fünf Tage Streik? Vier? Das dauerte vielen streikmüden Studenten zu lange, sie verließen das Gelände; die Aktivisten hielten länger durch. So kam der Countdown zu einem Ende. Gegen fünf Protesttage pro Woche stimmten noch 1350 Studenten, 1250 waren dafür. Bei vier Tagen gewannen die überzeugten Streiker: 1300 zu 500 lautete das Ergebnis.

Ruhe kehrt damit aber noch nicht wieder ein. „Der Streik ist tot, der Protest muss leben“, rief ein Student unter dem Jubel seiner Kommilitonen. Und so besetzten am Abend 30 Studenten das Büro von HU-Präsident Jürgen Mlynek. Sie marschierten gegen 19 Uhr durchs Sekretariat und setzten sich auf den roten Teppich. Die Präsidentin des Studentenparlaments brachte ihnen Schlafsäcke vorbei.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben