Politik : Der Supermarkt-Effekt

Viele Bundesbürger fühlen sich bei der privaten Altersvorsorge anscheinend überfordert

Christoph Giesen

Berlin - Bei der privaten Altersvorsorge besteht ein eklatantes Informationsdefizit. Die Angebote seien reichhaltig, doch viel zu intransparent. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA). Die Forscher interviewten 26 Bundesbürger im Alter von Ende 20 bis Mitte 40 jeweils rund zwei Stunden lang. „Unsere Studie ist ein Anfang, aber 26 Personen sind zu wenig, um politische Forderungen abzuleiten“, sagte Studienleiter Reiner Braun am Mittwoch in Berlin. Klar sei aber, dass erheblicher Beratungsbedarf bestehe.,

Galt früher die einfache Faustregel: Die Rente entspricht 70 Prozent des Gehalts, werde heute eine Standardrente von 52,2 Prozent des letzten Nettolohns gewährt, jedoch nur, wenn man 45 Arbeitsjahre angesammelt hat. „Die Erwerbsbiografien haben sich verändert, nur wenige zahlen so lange und kontinuierlich in die Rentenkasse ein“, stellte Braun fest.

Es gebe einen Bedarf nach privater Vorsorge, doch vielen Menschen ist das Angebot zu unübersichtlich. Die Forscher nennen das den Carrefour-Effekt. Carrefour ist eine französische Supermarktkette, die in Frankreichs Vorstädten riesige Einkaufsmärkte errichtet hat. In diesen Läden, mit häufig mehr als 30 Kassen, findet sich eine gigantische Produktvielfalt, die viele Konsumenten überfordert. Dieselbe Reizüberflutung haben die Forscher auf dem deutschen Privatvorsorgemarkt ausgemacht.

Vergleichsstudien in den USA hätten gezeigt: Je größer die Auswahlmöglichkeiten in der privaten Vorsorge sind, desto zurückhaltender reagieren die Bürger. „Bei einer Vergrößerung der Auswahlmenge um zehn Fonds verringert sich die Teilnahmequote um ungefähr zwei Prozent“, erklärte Thomas Langer, wissenschaftlicher Leiter beim DIA. Das habe zur Folge, dass viele Verbraucher sich nicht um ihre Altersvorsorge kümmern. „Sobald man auf eigenen Füßen steht, sollte man sich mit dem Thema Altersvorsorge befassen“, sagte Axel Kleinlein Referent für Altersvorsorge beim Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Helfen könnte das sogenannte Smart-Modell aus den USA. 1998 hatte ein mittelständisches Unternehmen beobachtet, dass die Belegschaft im Schnitt aus vier Prozent ihres Gehalts Rücklagen bildete – viel zu wenig. Mindestens neun Prozent des Lohns sollten zur Seite gelegt werden, um im Alter über die Runden zu kommen. Deshalb bot man den Mitarbeitern eine kostenlose Beratung an. Etwa ein Drittel der Teilnehmer entschied sich von nun an, neun Prozent zu sparen, die anderen zwei Drittel hatten nicht genug Geld, um dieses Sparziel zu erreichen.

Per Vertrag verpflichtete sich daher ein Großteil, bei Gehaltserhöhungen einen Teil als Altersvorsorge zu sparen. Mit Erfolg, nach vier Jahren lag die Sparquote bei 13 Prozent. „Das Modell funktioniert so gut, weil man jederzeit aussteigen kann, aber viele zu träge dazu sind“, sagte Langer. Normalerweise wird träges Verhalten bestraft, doch das Modell kehrt den Effekt um. „Bisher gibt es noch keine entsprechenden Produkte in Deutschland, aber möglicherweise kann das ein guter Ansatz sein“, sagte Verbraucherschützer Kleinlein.

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