Politik : Der Tod als Nachbar

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Von Charles A. Landsmann,

Petah Tikva

Im Kühlschrank stehen noch die Reste der Geburtstagstorte, die mir meine große Tochter letzte Woche geschenkt hat. Von der Konditorei, aus der die Torte stammt, sind nur noch rauchende Reste übrig. Der Selbstmordattentäter der Al-Aksa-Brigaden hat sich auf dem Vorplatz des Konditorei-Cafés mitten unter den Gästen, die Abkühlung suchten, und den Eis schleckenden Kindern in die Luft gesprengt.

Selbstmordanschlag in Petah Tikva, einem Vorort östlich von Tel Aviv, drei Tote – eine ältere Frau, ein 18 Monate altes Kind, der Attentäter –, mehr als 20 Verletzte. Der Blickwinkel ändert sich, wenn ein Anschlag in der eigenen Nachbarschaft geschieht: Wie es wohl dem immer freundlichen Konditor geht, mit dem man sich so herrlich über die ideale Dicke eines Meringuebodens für Eistorten streiten konnte? Und seit der direkt daneben liegende Supermarkt vor kurzem seine horrenden Preise auf ein erträgliches Niveau gesenkt hat, stand dem täglichen Einkauf der Familie dort nichts mehr im Wege. Zumal meine große Tochter nur um die Ecke wohnt.

Die Nachricht vom Anschlag erwischt mich auf dem Rückweg von der Knesset. Anrufe vom Autotelefon aus nach Hause und an die Handys der Töchter bleiben erfolglos: Die Leitungen sind unter der gewaltigen Masse der Anrufe besorgter Angehöriger im weiten Umkreis des Tatortes zusammengebrochen.

Je näher Petah Tikva rückt, desto mehr Streifenwagen auf der Straße. Es wird nach einem zweiten Selbstmordattentäter gesucht, weil es eine Warnung vor einem Terroristen-Duo gegeben hat. Aus dem wahnwitzigen Rechtsüberholer von vorhin wird ein potenzieller Terrorist. Nur auf Umwegen gelange ich nach Hause, die Polizei hat überall Absperrungen errichtet.

Plötzlich stehen die Telefonleitungen wieder: Ununterbrochen klingelt es, nahe Verwandte und ferne Bekannte melden sich und wollen wissen, ob man noch lebe. Je weiter die Anrufer entfernt sind, desto nervöser, hysterischer klingen sie. Schließlich schaffen es auch meine drei Töchter, durchzukommen. Überstunden haben die große Tochter gezwungen, an ihrem Arbeitsplatz zu bleiben. Der geplante Einkauf im Supermarkt und das Eisschlecken waren verschoben worden. Die Kleine sitzt bei der erkrankten mittleren Tochter im Krankenhaus fest: „Hier ist die Hölle los“, sagen sie. Das kann man wohl sagen.

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