Politik : „Der Tod tat schweigend seine Arbeit“

Der russische Autor Daniil Granin über den 27. Januar und Leningrads Blockade.

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Erinnerung an 1944. Der 95-jährige Granin im Bundestag. Foto: dpa
Erinnerung an 1944. Der 95-jährige Granin im Bundestag. Foto: dpaFoto: dpa

Berlin - Es sind nur ein paar Worte, aber sie holen das Geschehen vor sieben Jahrzehnten auf beklemmende Weise in die Gegenwart. „Sie waren so leicht, dass man sie einfach anheben konnte, wie leichtes Holz“, sagt Daniil Alexandrowitsch Granin am Rednerpult des Bundestages. Der 95-Jährige spricht von den Leichen seiner Leningrader Mitbürger, die er damals als sowjetischer Soldat auf Lastwagen laden musste. Der Boden war hart gefroren, Beerdigungen unmöglich. So leicht waren die Überreste der Menschen, weil der Hunger als Folge der deutschen Blockade sie von innen aufgezehrt hatte. Mehr als eine Million Zivilisten starben damals in den 900 Tagen der Belagerung, die meisten an Unterernährung.

Der Bundestag hatte den Schriftsteller und Überlebenden der Blockade eingeladen, am Montag die Rede zum HolocaustGedenktag zu halten. Denn an diesem 27. Januar vor 70 Jahren wurde die Einkesselung Leningrads (heute St. Petersburg) durch deutsche Truppen beendet. Genau ein Jahr später befreite die Rote Armee die wenigen verbliebenen Gefangenen im Konzentrationslager Auschwitz. Seit 1996 erinnert der Bundestag mit einer Gedenkfeier an dieses Ereignis. In diesem Jahr wollte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) mit Granins Einladung ein Zeichen setzen im deutsch-russischen Verhältnis.

„Der Tod war jemand, der schweigend seine Arbeit tat in diesem Krieg“, sagt der weißhaarige Autor, der Jahre nach seinen Kriegserlebnissen Erinnerungen und Aussagen von Zeitzeugen in einem Buch versammelte. „Die riesige Stadt hatte keinerlei Lebensmittel für die Versorgung mehr anzubieten“, sagt der Greis vor den Abgeordneten und der Spitze des deutschen Staates, die sich im Reichstag versammelt haben. Dann schildert er den Schrecken, die Not und die Verzweiflung, in die der Blockadewinter die unvorbereiteten Menschen stürzte. Es gibt in der Stadt bald keinen Strom, kein Gas und kein Wasser mehr, der Durst ist so groß, dass Menschen Wasser aus Flüssen schöpfen, in denen Leichen treiben. „Ich konnte lange den Deutschen nicht verzeihen“, sagt Granin, inzwischen hat er es. Auf eine politische Botschaft verzichtet er, sein Schlusssatz heißt: „Das Wichtigste war die Gerechtigkeit und die Liebe, die Liebe zum menschlichen Leben.“

Die politische Botschaft formuliert der Parlamentspräsident. Er erinnert an Juden, Sinti und Roma, Kranke und Behinderte, Homosexuelle, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und die von der NS-Rassenideologie zu „Untermenschen“ erklärten slawischen Völker. „Uns treibt bis heute die Frage um, wie ist eine solche Entmenschlichung möglich geworden“, sagt Lammert. Nie wieder dürften Staat und Gesellschaft zulassen, dass Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer politischen Einstellung, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Andersartigkeit zum Feindbild der schweigenden Mehrheit gemacht würden. Lammerts Schlussfolgerung heißt: „In Deutschland ist Intoleranz nicht mehr tolerierbar.“

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion habe die Vernichtungspolitik der Nazis eine neue Dimension erreicht, sagt der Politiker. Er hofft, dass im Verhältnis zu Russland „Brücken eines gemeinsamen Gedächtnisses“ geschlagen werden können. Sein eigenes Ziel formuliert er vorsichtig als Frage: „Kann es eine europäische Erzählung vom blutigsten Jahrhundert in der europäischen Geschichte geben?“ Das Gedenkjahr 2014 wird darauf eine Antwort finden. Hans Monath

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