Deutsch-griechisches Verhältnis : Die Rückkehr des "hässlichen Deutschen"

Wie sehr die neue griechische Regierung die deutschen Politikgemüter auch irritiert, ja provoziert hat – was sich die deutsche Seite geleistet hat, ist kaum entschuldbar. Ein Kommentar.

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Nicht immer so harmonisch: Karmen (links) und Astos (rechts) küssen sich demonstrativ.
Nicht immer so harmonisch: Karmen (links) und Astos (rechts) küssen sich demonstrativ.Foto: dpa

Nun ist ja alles wieder gut. Angela Merkel hat Alexis Tsipras nach Berlin eingeladen, und die beiden präsentierten sich der Welt als Kreidefresser der freundlichsten Sorte. Über ihren Gesprächen, dem Abendessen und den Pressekonferenzen schwebte das Wort „Verständnis“, unsichtbar und allgegenwärtig, selbst die militärischen Ehren erschienen wie ein Akt der Umarmung. Spät, aber nicht zu spät. Alles wieder gut.

Nichts ist gut. Doppelt und dreifach nicht.

So richtig, notwendig und überfällig die Einladung an Tsipras war, sie hat lediglich die atmosphärischen Störungen der vergangenen Wochen korrigieren können. Inhaltlich hat die Begegnung der beiden Politiker die garstigen Auseinandersetzungen um keinen Millimeter verschoben – bei den Deutschen nicht und bei den Griechen nicht.

Aber auch die atmosphärischen Turbulenzen lassen sich durch die Willensbekundungen zum gegenseitigen Verständnis so schnell nicht beruhigen. Denn sie sind nicht nur heftig gewesen, sondern nachhaltig und grundsätzlich. Wie sehr die neue griechische Regierung die deutschen Politikgemüter auch irritiert, ja provoziert hat – was sich die deutsche Seite geleistet hat, ist kaum entschuldbar.

Eine kleine Blütenlese: Hans-Peter Friedrich von der CSU meint ungerügt sagen zu dürfen, die Griechen führten sich auf „wie Halbstarke“. Sein Parteichef Horst Seehofer, derb auf die Wählerklientel schielend, will ihnen verbieten, „das Maul aufzureißen“. Volker Kauder von der Schwesterpartei empfiehlt ihnen „bessere Manieren“ und „mehr zu arbeiten“. Markus Söder, wieder CSU, gibt den Ratschlag: „Schmeißen Sie den Verteidigungsminister raus.“ Und wirft, wie etwa beim Jauch-Talk, mit gönnerhaft-blasierten Blicken um sich. Und der Mann, auf den es zur Zeit besonders ankommt, Finanzminister Wolfgang Schäuble, belässt es nicht bloß bei der Kritik an der Syriza-Regierung, sondern nimmt mit gerecktem Zeigefinger gleich alle Griechen in die Verantwortung: „Das griechische Volk muss endlich einsehen …“

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Küssen für Griechenland am Kanzleramt
Küssen für Griechenland am Kanzleramt

Frei nach Bertolt Brecht ließe sich dazu sagen: Wäre es da nicht einfacher, die deutsche Regierung löste das griechische Volk auf und wählte ein anderes? Die Liste der verbalen Ausfälle ließe sich verlängern und verlängern. Deshalb sind sie keine einzelnen Entgleisungen, sondern ein Kulturbruch.

Der „hässliche Deutsche“ schien eine Metamorphose zu erleben

Denn aus den deutschen Verheerungen des 20. Jahrhunderts ist langsam und doch stetig eine Pflanze gesprossen, derer man sich gar nicht begeistert genug erfreuen kann. Der „hässliche Deutsche“, der vor hundert Jahren im Ersten Weltkrieg sein furchtbares Gesicht gezeigt hatte und in den folgenden Jahrzehnten seine Hässlichkeit noch zu steigern wusste, schien eine Metamorphose zu erleben; dieses Gesicht entspannte sich zusehends, wo Kälte aus den Augen geblitzt hatte, blickte nun immer öfter Wärme und Freundlichkeit. Und die Welt staunte nicht schlecht, als im Jahr 2006 jene heiteren Wochen ins Land gingen, die unter dem Etikett „Sommermärchen“ ein verwandeltes Deutschland präsentierten.

Und das wenig später mit der kleinen Sängerin Lena Meyer-Landrut den Beweis antrat, dass man sich auch hierzulande auf federleichte Musik verstand. Im vergangenen Jahr dementierte dann die Fußball-Nationalmannschaft die berüchtigten deutschen Tugenden: Kampf, Verbissenheit und gerne auch mal auf die Knochen gehen. Wer Brasilien 7 : 1 besiegt, der muss offenbar auch ganz andere Tugenden haben, spielerische. Selbst italienische Zeitungen mussten von lieb gewonnenen Stereotypen Abschied nehmen und nannten die deutschen Kicker fortan nicht mehr „Panzer“.

Und jetzt? Auf einmal ist er wieder da, dieser deutsche Besserwisser, dieser Praeceptor Europae, der meint, anderen Vorschriften machen zu sollen. Was sich als tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel manifestiert hatte, ist bei den Politikern offenbar noch nicht angekommen. Jedenfalls bei einigen.

Natürlich ist es grundfalsch, in jenen Verbalausfällen eine Rückkehr zur nationalsozialistischen Barbarei zu sehen, wie das in Griechenland, und nicht nur da, geschieht. Natürlich darf mit jedem Recht darüber gestritten werden, welcher Weg aus der Euro-Krise der adäquate sei. Natürlich darf man die eiserne deutsche Politik für richtig und die griechische für abenteuerlich halten. Aber man darf es nicht mit jener Haltung tun und nicht mit jenen Worten. Weil es dabei um ein viel höheres Gut geht als um das Rechtbehalten in einer Finanzfrage. Und weil man damit Europa nicht rettet.

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