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Deutsche Botschaft unter Beschuss : 47 Tote bei Angriffen in Kabul

Koordinierte Angriffe der Taliban erschüttern am Sonntag die afghanische Hauptstadt und andere Städte. Dabei kamen mindestens 47 Menschen ums Leben. Auch die deutsche Botschaft geriet unter Beschuss.

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Ein Polizist sichert ein Gebäude, das von den Aufständischen am Sonntag benutzt wurde, um das afghanische Parlamentsgebäude anzugreifen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: AFP
16.04.2012 11:14Ein Polizist sichert ein Gebäude, das von den Aufständischen am Sonntag benutzt wurde, um das afghanische Parlamentsgebäude...

Die afghanischen Taliban haben am Sonntag mit mehreren koordinierten Angriffen in Kabul sowie in den Hauptstädten der Provinzen Nangahar, Logar und Paktia im Osten des Landes offenbar ihre Frühjahrsoffensive begonnen. In Kabul attackierten die Aufständischen unter anderem das Parlament, das Nato-Hauptquartier und das diplomatische Viertel.

Bei der größten Angriffswelle in der Hauptstadt seit über einem halben Jahr gerieten nach verschiedenen Meldungen auch die britische und die US-Botschaft unter Beschuss. Auf dem Gelände der deutschen Botschaft kam es zu Sachschäden, Personen wurden nicht verletzt. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte, der Anschlag werde keine Konsequenzen für die deutsche Afghanistan-Politik haben.

Bei den Angriffen sind nach Angaben des Innenministeriums 47 Menschen getötet worden. Die meisten seien Aufständische gewesen. Die Nato teilte mit, allein in Kabul befänden sich sieben Einrichtungen unter Beschuss. Bei dem Versuch, das Parlament zu stürmen, wurden nach Behördenangaben mehrere Kämpfer von Sicherheitskräften überwältigt. Ein Abgeordneter sagte der Nachrichtenagentur AFP, Parlamentarier hätten selbst zurückgeschossen. Die Taliban bekannten sich zu den Angriffen. Zahlreiche Selbstmordattentäter hätten den Nato-Stützpunkt, die deutsche und die britische Botschaft, das Parlament, zwei Hotels und Ziele entlang der Darulaman-Straße, an der die russische Botschaft liegt, angegriffen, erklärte ein Talibansprecher. Das berichtet die Nachrichtenagentur AP.

Aus Geheimdienstkreisen hieß es, bewaffnete Männer hätten das Haus vom Mohammed Karim Chalili, einem Stellvertreter von Präsident Hamid Karsai, im Visier gehabt, seien aber gefasst worden. In Dschalalabad, der Hauptstadt von Nangahar, wurden laut Innenministerium vier Angreifer getötet. In Kabul waren die Angriffe erst am Montagmorgen nach 18 Stunden niedergeschlagen worden.

Innenminister Bismillah Mohammadi sagte, die meisten der Taliban-Kämpfer hätten sich unter einer Burka - dem muslimischen Vollschleier - als Frauen getarn.

Nach Ansicht des Afghanistan-Experten Thomas Ruttig zeigt die Attacke, dass die Taliban unterschätzt werden. Erst vor einer Woche habe der Isaf-Sprecher Carsten Jacobson gesagt, dass es keine Anzeichen für einen geplanten, koordinierten Angriff der Taliban gebe. „Da hat er sich getäuscht“, so Ruttig. „Und auch die entsprechenden Geheimdienste, die diese Informationen zusammengetragen haben.“

Der US-Botschafter in Afghanistan, Ryan Crocker lobte im Sender CNN die afghanischen Sicherheitskräfte für ihre „professionelle Reaktion“. Die Angriffe zeigten aber auch, „warum wir vor Ort sein müssen“. Er warnte vor einem Abzug, bevor die afghanischen Kräfte die Sicherheit vollkommen übernommen hätten. Das könne „die Tür für einen neuen 11. September“ öffnen. Derzeit sind noch etwa 130 000 Isaf-Soldaten in Afghanistan stationiert, die bis zum Jahr 2014 abziehen sollen.

Im Nordwesten Pakistans haben die dortigen Taliban am Sonntag fast 400 Häftlinge aus einem Gefängnis befreit. Mehr als 150 schwer bewaffnete Aufständische stürmten die Haftanstalt. Nach Regierungsangaben konnten mindestens 20 „gefährliche Häftlinge“ fliehen. Darunter offenbar ein früherer Luftwaffenoffizier, der wegen eines Anschlags auf Ex-Präsident Pervez Musharraf zum Tode verurteilt worden war. (mit AP/AFP)

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