Politik : Deutschland holt auf

Fast überall in Europa steigen Arbeitskosten stärker als hierzulande / Wieder gibt es weniger Arbeitslose

Carsten Brönstrup

Berlin - Der Standort Deutschland ist bei den Arbeitskosten in den vergangenen Jahren deutlich wettbewerbsfähiger geworden. Mit 28,18 Euro pro Stunde liege die Wirtschaft der Bundesrepublik im europäischen Vergleich auf Platz sechs, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit – teurer ist die Arbeit demnach in Dänemark, Belgien, Luxemburg, Frankreich und den Niederlanden. Zwischen 2000 und 2004 habe sich die Arbeitsstunde für Industrieunternehmen und private Dienstleister pro Jahr um 2,5 Prozent verteuert. „Deutschland hat seine Wettbewerbsfähigkeit insbesondere gegenüber anderen EU-Staaten verbessert“, sagte Johann Hahlen, Präsident des Statistischen Bundesamtes.

Ostdeutschland steht bei den Kosten sogar noch besser da als der Westen. Während in Sachsen-Anhalt eine Arbeitsstunde nur 20,84 Euro kostete, waren es in Hamburg 31,80 Euro. In Berlin waren es 28,33 Euro. Zudem hätten die Menschen im Jahr 2004 in den neuen Ländern rund 55 Stunden länger als ihre Kollegen im Westen gearbeitet, sagte Hahlen.

Ökonomen führten die gestiegene Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands auch auf die mäßigen Tarifabschlüsse der vergangenen Jahre und die mithin unterdurchschnittlich gestiegenen Lohnstückkosten zurück. Diese Entwicklung habe aber zwei Seiten, sagte Gustav Horn, Chef des gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschungsinstituts IMK. „Das relativ geringe Wachstum der Löhne stärkt die Unternehmen, doch es gibt nur geringe Impulse für die Binnennachfrage.“

Derzeit läuft die Konjunktur hierzulande allerdings so gut wie seit Jahren nicht mehr. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfK) hob seine Wachstumsprognose für 2006 am Donnerstag von 2,1 auf 2,4 Prozent an. Die Volkswirte sind damit optimistischer als die meisten anderen Institute und Banken. Nur einmal in den vergangenen zehn Jahren war das Wachstum höher – im Jahr 2000 mit einer Rate von 3,2 Prozent. Der Höhepunkt des Aufschwungs sei allerdings erreicht, befanden die Forscher. Wegen der Mehrwertsteuererhöhung werde die Wirtschaftsleistung kommendes Jahr nur noch um 1,0 Prozent zulegen; bisher hatte das IfW noch 1,2 Prozent erwartet.

Die gute Wirtschaftslage hat nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit (BA) für eine Trendwende auf dem Stellenmarkt gesorgt. Im August sank die Zahl der Arbeitslosen um 14 000 auf 4,372 Millionen, wie die Behörde in Nürnberg erklärte. Vor einem Jahr lag die Zahl der Arbeitslosen noch um 426 000 höher. Die Arbeitslosenquote blieb gegenüber dem Vormonat unverändert bei 10,5 Prozent. Als besonders positiv wertete es BA-Vorstandschef Frank- Jürgen Weise, dass es 129 000 mehr sozialversicherungspflichtige Stellen gab als im Juni 2005. Trotzdem dämpfte er Hoffnungen darauf, dass der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung stärker sinken könne als bislang geplant. Durch den erwarteten Überschuss von bis zu 9,6 Milliarden Euro habe sich der Spielraum zwar erhöht. „Aber die Frage ist, bleibt das so“, sagte Weise. Die BA wolle nicht in die Verlustzone geraten.

Die Lage am Ausbildungsmarkt nannte der BA-Chef indes „unverändert angespannt“. Von Oktober 2005 bis zum August hätten die Unternehmen 418 400 Lehrstellen und damit zwei Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum gemeldet. Daher sei Ende September eine größere Lehrstellenlücke als im vergangenen Jahr zu befürchten.

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