NPD : Rechts unten, rechts oben

Müsste man eine Hauptstadt der NPD benennen, dann läge sie hier: im Südosten Deutschlands, in Sachsen, und sie hieße Riesa. Manche halten das nicht aus. Viele andere dagegen schon. Irgendwie

Martin Machowecz[Riesa]
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Riesa glänzte. Erst mit Stahl, dann mit Sport, nun ringt die Stadt um ihr Image; auf dem Bild zu sehen ist die fertig sanierte...

Plötzlich war die Stadt voll mit Ausländern in Trainingsanzügen von Adidas.

Endlich, sagt Köhler, lernten die Riesaer mal welche kennen! Welche mit Erfolg. Denen man zujubeln kann. Auch wenn sie, die Ausländer, immer nur für ein Wochenende kamen. Und danach, eigentlich, ganz froh waren, wieder wegzufahren.

Unter jedem Brief stand jetzt die Zauberformel. „Grüße aus der Sportstadt Riesa.“ Da hätte auch stehen können: Weltstadt. Köhlers Idee. Wie immer.

Köhler holte 1997 die Stepptanz-WM nach Riesa. 1999 die der Sumo-Ringer. Dann, 2002, Schwimmer aus ganz Europa. Er holte auch Muhammad Ali aus Amerika und Katarina Witt aus Chemnitz. In diesen kleinen Ort. Eine Welle schwappte durch Riesa. Riesa an der Elbe in Sachsen. 35 000 Einwohner, die marode Stahlstadt, in der DDR bekannt für die Industrie und danach dafür, dass die Industrie weg war, wollte jetzt bekannt werden als Stadt des Sports.

Köhler machte, dass die Welt kam. Die WM der Sportakrobaten. Die Kurzbahn-EM. Die Gewichtheberweltmeisterschaft. In Riesa . Riesa glänzte jetzt. Köhler glänzte. Riesa, die Sportstadt. Köhler, ihr Bürgermeister.

Gleichzeitig, zur Jahrtausendwende, kaufte ein Verlag einem Klempner eine Halle in Riesa-Merzdorf ab. Aber das bemerkte man erst, als es zu spät war. Während Köhler daran arbeitete, Riesa berühmt zu machen, arbeiteten die Nazis daran, Riesa zu besetzen. Im Hintergrund, unbemerkt, aber immer.

Wolfram Köhler, CDU-Mann, ein kräftiger Kerl, ist kein Bürgermeister mehr, schon seit 2003, aber zu Besuch kommt er noch. Wie an diesem Tag. Er sitzt im Auto und schimpft. Über die Plakate dieser Partei. „Kriminelle Ausländer raus.“ Sie tauchen vor seiner Scheibe auf. Plopp, plopp, plopp. Plopp, plopp. Willkommen auf der NPD-Allee.

Riesa ist voll mit NPD-Plakaten, die Landtagswahl ist vorbei, die Bundestagswahl steht an. Sie sind, manchmal, eine Drohkulisse. Er habe mal Ärger bekommen, sagt Köhler, als er einem von denen das Mikro abdrehte, im Stadtrat. Er sagt auch, dass ihm sehr wehtut, dass sie da sind. Dass ihm sehr wehtut, wie sie da sind.

Denn müsste man eine Hauptstadt der NPD benennen, dann wäre das nicht Mügeln und auch nicht Reinhardtsdorf- Schöna in der Sächsischen Schweiz. Es wäre die Stadt, in der die NPD heute etliche ihrer Schaltzentralen hat, ihren Verlag, ihr Schulungszentrum, ein Versandhaus, die Wohnsitze führender Kader. Sogar ein Ladengeschäft. Es wäre eine Stadt, in der die Leute überdurchschnittlich oft NPD wählen. Es wäre Riesa.

Zu DDR-Zeiten war Riesa noch die Hauptstadt der Stahlproduktion. Mit dem Staat ging die Industrie unter. 12 000 Arbeitsplätze auf einmal – weg. 52 000 Einwohner hatte Riesa in den Achtzigern. Minus 17 000. Noch 35 500. Noch 35 499. Noch.

Gegangen ist eine ganze Generation. Die, die jetzt die Kinder kriegen müsste. Das typische Ostproblem, verschärft, weil Riesa kaum Reiz hatte, nur Stahl. Riesas Charme muss man suchen.

Köhler baute, als er Bürgermeister wurde, erst mal Sehenswürdigkeiten. Die „Elbquelle“, entworfen vom Künstler Jörg Immendorff an einem schlechten Tag und erbaut 1999, ist ein riesiger Eisenbaum mitten in der Stadt, kahl und ohne Blatt. Die „größte Stahlgussplastik der Welt“, sagen die Riesaer. Mit 25 Metern in der Spitze. Die Riesaer nennen die Elbquelle „Köhler-Pimmel“. Es gab auch mal die Idee, einen „Schiefen Turm von Riesa“ zu errichten. Nur, weil sich das auf Pisa reimte.

Dann baute Köhler die „Sachsen-Arena“. Nagelneu, sündhaft teuer. 12 000 Plätze, genug für alle arbeitslos gewordenen Stahlwerker auf einmal. Lebensschwere Sumoringer aus Stein stehen davor. AC/DC und Elton John kamen. Riesa hatte jetzt auch „Events“. Das Stahldebakel war vergessen. Alle schauten auf diese Stadt, dachten die Riesaer, sie waren stolz.

Köhler fing an, sich „Mister Riesa“ zu nennen. Dann ging er weg, um seine größte Idee zu verwirklichen: Olympia 2012, in Riesa an der Elbe und, notgedrungen, auch in Leipzig.

Doch Olympia 2012 findet in London statt. Köhler verhob sich. Heute ist er Kindergärtner in Florida.

Und die Sportstadt ringt um ihr Image.

In einem ihrer Häuser klappert Geschirr. Es steht in einer Einfamilienhaussiedlung, die meisten anderen Häuser hier sind weiß, dieses nicht mehr. Hinten, an der Terrassentür, trocknet eine Trainingsjacke. Kinderstimmen, eine aufgestellte Schubkarre im Garten. Der Nachbar knapst Äste und summt dabei.

Am Briefkasten steht „Apfel“. Für Kilian, Svenja, Lars, Jasmin und – Holger. Holger Apfel ist hier nicht einer der wichtigsten NPD- Männer Deutschlands, nicht Fraktionschef der Partei im Sächsischen Landtag, nicht Ex-Chefredakteur der „Deutschen Stimme“, nicht der Mann mit der Skandalrede vom „arroganten Wohlstandsneger“. Hier ist er Herr Apfel, Nachbar.

„Riesa ist für uns ein sehr angenehmer Fleck“, sagt einer von Apfels Männern, Jürgen Gansel. Manche halten ihn für das Gehirn der sächsischen NPD. Landtagsabgeordneter, „Deutsche Stimme“-Redakteur, ein Demagoge, sagt Köhler. Gansel lebt auch in Riesa, sehr gern, sagt er, und dass er da auch für Herrn Apfel sprechen könne. Man lässt die Rechten in Ruhe. „Wir sind in Riesa wie Fische im Wasser“, sagt Gansel. Anfeindungen gebe es keine.

Wer durch Riesa fährt, wenn kein Sportfest stattfindet, kann den Eindruck gewinnen, dass das auch keiner mehr ändern will. „Wenn da ein Kinderschänder wohnen würde, könnten wir ja auch nichts machen“, sagt eine Nachbarin. „Im Landtag sagt doch auch keiner, der ist von der NPD, neben dem will ich nicht sitzen“, meint jemand. Dass man sich seine Nachbarn nicht aussuchen könne, andere. Wir sind ja eher unpolitisch, wieder andere. Beim Bäcker schimpfen sie über die Regierung, über Holger Apfel schimpfen sie nicht. „So lange sie nichts anstellen“, sagt einer. Angst, in der Zeitung zu stehen, hat er doch. Haben sie alle.

Im Stadtteil Merzdorf gibt es, neben der NPD und Familie Apfel, „Ossi-Brötchen“ beim Bäcker, nach Wahl rund oder lang, weil die Leute sich streiten, wie denn Ossi-Brötchen nun auszusehen haben. In der Nähe mindestens drei Nagelstudios in Einfamilienhaustiefgeschossen. Mehrere Friseure. Der Metzger hat nur freitags offen. An der Reußner Straße operiert „Heilerin Marika“. Die Wunden der Stadt kriegt sie nicht in den Griff.

Wenn die Apfels morgens zur Arbeit wollen, müssen sie nur aus der Tür, einmal ums Eck, 300 Meter über eine frisch asphaltierte Straße, Mannheimer Straße 4, zwischen Wohnhäusern, direkt neben einem Werbestudio. Eine weiße Lagerhalle, früher der Sanitäranlagenbetrieb eines NPD-Stadtrats. Heute ist die Halle Sammelbecken all dessen, was in Deutschland mit den rechten Dingen zugeht: Verlagssitz der „Deutschen Stimme“, NPD-Wahlkreisbüro, Schulungszentrum. Versandzentrum für CDs, Videos und Skinheadartikel. Eine für die Szene „bedeutende logistische und propagandistische Einrichtung“ nennt das der Verfassungsschutz. Männer ohne Gesicht stehen vor der Tür. Kein Geräusch. Idylle. Bald ist hier Geburtstagsparty. Seit zehn Jahren ist dieser Verlag nun hier. Man lässt ihn. Er wird bleiben.

Es gibt einen Mann in Riesa-Merzdorf, der Lärm macht; sich überhaupt traut, zu reden. Der zwar Angst hat, aber weniger um sich, mehr um seine Stadt, und das glaubt man ihm. Er heißt Koß. Koß spricht von Glatzen, die nachts, mit Hund, vor seiner Tür aufliefen. Wir kriegen dich. Von Anrufen, mal mit Drohung, mal ohne ein Wort. Davon, wie jemand in die Garage gestiegen war. Als Zeichen: Wir sind hier. Wir bleiben hier. Koß kam in ein Personenschutzprogramm.

In der Sonne an der Riesaer Hauptstraße, einer durchsanierten Fußgängerzone, direkt an der Volksbank, vorm Kino, kann es doch nicht so schlimm sein. Koß sitzt breitbeinig. Koß, parteilos, ist jetzt frisch gewählter Stadtrat in Riesa, für die Grünen. Er ist Lehrer am Heisenberggymnasium und kandidierte für den Bundestag, freilich ohne Chance als Direktkandidat. Die Nazis nennen ihn einen „Ausländerlobbyisten“.

Thoralf Koß ist der Teufel für die Rechten. Er hat mal Claudia Roth nach Riesa geholt, zur Podiumsdiskussion, die NPD kam dazu und wollte die Runde aufmischen. Aber die Roth, sagt Koß, war schlauer. Ich auch, meint er damit.

Neben Koß sitzt Thoralf Möhlis, Koß und Möhlis sind nach dem gleichen norwegischen Skispringer benannt. Toralf Engan, Ikone vieler Mütter der 60er Jahre.

Möhlis, gefärbter Pferdeschwanz, Ohrringe, ist keine Ikone. Aber erbitterter Feind der Rechten in Riesa seit den 90ern. „Mit den Stiefelfaschisten fing nach der Wende alles an“, sagt Möhlis. Mitte der 90er gründete die NPD den Kreisverband. Relativ lahm, sagt Möhlis. Bis die NPD diese Halle kaufte, mit Krediten einer örtlichen Bank. Die Kader zogen nach.

Koß und Möhlis haben in der ganzen Stadt Plakate aufgehängt, ein Affe ist drauf, der den Hitlergruß macht, „Ruhig, Brauner!“ steht drüber. In der ersten Nacht wurden alle geklaut. Möhlis hat Anzeige erstattet.

Was können wir tun, fragen sie sich und wissen es nicht. „Würde mal jemand vorneweg laufen und rufen: Wir gehen vor gegen die ,Deutsche Stimme’! – das würde helfen“, sagen sie.

Aber dies hier sei Riesa.

„Das Problem wird verheimlicht“, sagt Koß. „Von Riesa aus spinnt die Spinne ihr Netz übers Land, und niemand hält sie auf“, sagt Möhlis. Alle verstecken sich, sagen beide. Hinter der Sportstadt.

In der Stadt spricht man darüber, dass Holger Apfel sich neulich im Medimax-Elektromarkt eine Coldplay-CD gekauft haben soll. Dass man diesen und jenen Nazi immer im Real sieht. Es gibt Riesaer, die sind weggezogen deswegen. Weil sie es nicht ausgehalten haben, ständig Jürgen Gansel im Einkaufszentrum zu treffen. „Wo ihn die Leute noch grüßen“, sagt eine, die nach Dresden geflohen ist. Man sehe die ständig, es sei nicht auszuhalten.

Gerti Töpfer kann das nicht hören. Eine Glyzinie, ein mächtiger Blauregen, umwuchert das Rathaus, als sei es ein Dornröschenschloss. Gerti Töpfer ist die Nachfolgerin von Wolfram Köhler. Ein schweres Erbe. Ihr Vorgänger war laut, präsent, hat die Probleme überstrahlt und Riesa Glanz verliehen. Köhler füllte nicht nur Räume, er füllte die ganze Stadt.

Als Köhler ging, konnte man plötzlich die Nazis sehen, denn man war nicht mehr so abgelenkt.

Gerti Töpfer ist nett, sehr nett. Wenn Biedenkopf Landesvater war, ist sie Stadtmutter. Eine Fahrt mit Gerti Töpfer durch die Stadt verklärt den klaren Blick auf das, was man sieht. Nur noch blühende Glyzinen, Landschaften. Hier, rechts, unser Elbestahlwerk, italienische Eigentümer, der größte Gewerbesteuerzahler – mit Abstand. Links, hier, unsere neuen Gewerbeflächen. Fast schon wieder ausgebucht! Da, die Mittelschule „Am Sportzentrum“, vielleicht die schönste in Sachsen.

Vorm „Deutsche Stimme“-Verlag wird Gerti Töpfer still.

Müsste man nicht aussteigen und brüllen? Euch wollen wir hier nicht? Transparente ausrollen? Sie hält kurz an. Nazis-raus-Rufe bringen nichts, sagt sie dann.

Riesa habe Zeitzeugenprojekte, Extremismusforen, Gedenkwochen, große Feste der Weltmusik. Eine Aktionswoche gegen die „Deutsche Stimme“ gibt es nicht. Vielleicht, weil das jeden merken lassen würde: Hier ist das Nest der NPD. Denn die würde mehr Investoren vergraulen, als die Stepptanz-WM gewinnen kann.

Die Rechten behaupten, dass es längst keine öffentlichen Anfeindungen mehr gegen sie gebe in Riesa. Die Akzeptanz, sagt NPD-Mann Gansel, „geht weit über die Leute hinaus, die uns wählen“. Zwischen dem Rathaus und der NPD sieht er gar „friedliche Koexistenz“.

Die Leute sind träge, und die etwas unternehmen wollen, sind allein, sagen Koß und Möhlis. Die meisten tun nichts, weil die NPD ihnen nichts tut. Die NPD hält sich ihr Nest sauber.

Und trotzdem kommt immer wieder in die Zeitung: Riesa, NPD. Anfang dieses Jahres wurde Ines Schreiber Schöffin am Amtsgericht Riesa. Ein NPD-Mitglied. Es stand in allen Zeitungen. Wie konnte das passieren, sagt Koß. Wie konnte das passieren, sagt Möhlis.

Dabei ist genau in der Riesaer Innenstadt, an der Hauptstraße, Ecke John-Scheer-Straße, ein Spruch in die Wand gehauen, jeder soll ihn lesen.

„Was du nicht allein vermagst, dazu verbinde dich mit anderen, die das Gleiche wollen.“ Was ist so schwer daran, fragt Koß.

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