Politik : Dick und krank vor dem Computer

Ruth Ciesinger

Ein Schuljahr lang hat Eva Somrei jeden Tag kleine Care-Pakete verteilt. Pausenbrote, mit Käse oder Wurst. Das war eine extreme Klasse, erzählt die Grundschullehrerin aus Wuppertal. Da hätten die Eltern ihren Kindern einfach nie etwas zu essen mitgegeben. Ohne fürsorgliche Lehrerin kaufen die sich dann Schokoriegel und Cola am Kiosk.

Das klingt absurd, ist aber ein Problem. Falsche Ernährung, zusammen mit mangelnder Bewegung sind Hauptursachen für die meisten Herz- und Kreislauferkrankungen und damit Aulöser für die häufigsten Todesursachen in Deutschland. Was fehlt, ist das Bewusstsein dafür. Rund ein Drittel aller Krebserkrankungen könnte außerdem durch täglich Obst und Gemüse und etwas Sport verhindert werden, informiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Unter diesem Aspekt klingt das Motto des heutigen Weltgesundheitstages "Gesund leben - in Bewegung bleiben" weniger gestelzt. Zwei Millionen Menschen sterben weltweit jedes Jahr auf Grund mangelnder Bewegung, schätzen WHO-Experten. Davon sind die Entwicklungsländer betroffen, genau so aber hochentwickelte Industriestaaten wie die Bundesrepublik. Und während Bewegung und ausgewogene Kost garantiert niemandem schaden, muss man sich bei Kindern besonders darum kümmern, sagt Barbara Marnach von der AOK.

Denn die Kleinen werden jetzt schon immer dicker, und schlechte Angewohnheiten verlernt man später nur noch schwer. Das Kieler Institut für Humanernährung hat schon vor zwei Jahren Alarm geschlagen, mehr als 23 Prozent der Fünf- bis Siebenjährigen hätten deutliches Übergewicht. Nach einer Untersuchung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) bräuchte nochmal jeder fünfte Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren eine Ernährungsberatung. Barbara Marnach spricht von der "Generation Rücksitz", die von den Eltern in die Schule gefahren wird und nachmittags an der Playstation sitzt. Das erhöht zudem das Osteoporose-Risiko. Die Knochenmasse, die sich fast ausschließlich in der Jugend aufbaut, reagiert auf Bewegung. Bleibt die aus, hat das zusammen mit falscher Ernährung auch noch andere Folgen: Die ZI-Studie hat bei etwa neun Prozent der Jugendlichen Bewegungsmangel als Ursache für eine Fehlentwicklung des Skelettsystems und der Wirbelsäule erkannt.

Prävention lautet hier das Zauberwort, seit etwa zwei Jahren können die gesetzlichen Krankenkassen solche Maßnahmen wieder fördern. Die Grundschullehrerin Somrei entwickelt gerade Unterrichtsmaterial, mit dem Lehrer ihren Schülern ein Verständnis für richtiges Essen und genügend Sport beibringen sollen. Das geschieht im Rahmen eines größeren Projektes, bei dem Schulen, die AOK Rheinland und die Ärztekammer Nordrhein zusammenarbeiten. Ab dem kommenden Herbst werden an die 150 Schulen daran teilnehmen. "Koordination ist besonders wichtig", sagt Barbara Marnach, "was bringt es, wenn die Kinder über gesundes Essen aufgeklärt werden, und der Schulbäcker nur Rosinenschnecken verkauft." An einer Schule sei sogar die Polizei in die Planungen miteinbezogen worden - für einen sicheren Schulweg, damit die Kinder nicht von den Eltern gefahren werden müssen.

Ein Ansatz, der auch ganz im Sinne der Bundesgesundheitsministerin sein dürfte. Die Vorbeugung soll generell zur vierten Säule des Gesundheitssystems werden, kündigte Ulla Schmidt (SPD) bei einer Vor-Veranstaltung zum Weltgesundheitstag an, dafür brauche Deutschland ein Präventionsgesetz. Schmidt betonte, für wie wichtig sie ein nationales Präventionsprogramm hält, bei dem alle Beteiligten im Gesundheitssystem gemeinsame Ziele erarbeiten. Die Ministerin demonstrierte am Freitag auch, dass man es mit der Bewegung aber nicht übertreiben darf. Während der Veranstaltung verletzte sie sich an einem Sportgerät.

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