Politik : …die Abrissbirne spricht

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Niemand wird bestreiten wollen, dass Schönheit ein sehr relativer Begriff ist. Der gemeine Mensch zum Beispiel findet eine Spinne in der Regel ekelig. Herr Spinnerich hingegen kann sich gar nicht satt sehen an den langen Beinen von Frau Spinne, wahrscheinlich findet er sie schön und die ganze Erscheinung knackig und sexy (am Wesen und den inneren Werten ist er mutmaßlich nicht so interessiert, auch das ist bei Menschs, etwa beim Manne, gewiss ganz anders).

In England nun hat der britische TV Kanal Channel4 eine vierteilige Serie gestartet mit dem finalen Titel „Demolition“. Darin wird das hässlichste Gebäude Großbritanniens gesucht. Im Oktober soll aus allen Nennungen jenes Gebäude ausgewählt werden, das die Sinne am stärksten verletzt. Danach soll die architektonische Sünde abgerissen werden, zerstört eben.

Der Sender rückt noch nicht mit der Sprache raus, welches Gebäude derzeit der Abrissbirne am nächsten gekommen ist. Bislang gibt es 7000 Nominierungen. 7000 grundhässliche Gebäude in Großbritannien? Mutmaßlich sind darunter auch Nennungen des kleinen Nachbarhauses, weil davor Bob immer samstags zur Unzeit den Rasen mäht. Und wenn dessen kreischende Frau Lynn Fish and Chips zubereitet, riecht es nach altem Fett. Das Haus muss weg, sollen Bob und Lynn doch woanders lärmen und stinken. Ob niedere Motive bei der Zerstörungswahl zugelassen sind, steht allerdings noch nicht fest.

Wir in Deutschland übernehmen alle Sendeformate, die in England gestartet werden. Wir sollten uns rechtzeitig Gedanken machen. Man braucht nur einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Man sieht dann, dass es in Deutschland viel mehr als 7000 hässliche Gebäude gibt. Wir werden wahrscheinlich Kategorien erfinden müssen. So etwa: A) Gebäude, die Sie schon immer mal schleifen wollten, in Frage kommen die örtlichen Finanzämter, die Kfz-Zulassungsstelle und für die Kinder die Schulen. B) Sportstätten, etwa die Arena auf Schalke, das Westfalenstadion in Dortmund. Für Schalke findet sich eine Mehrheit in Dortmund. Und vice versa. C) Politische Häuser, je nach Couleur könnte die Wahl das Brandt-Haus, das Adenauer-Haus, das Dehler-Haus der FDP, das Liebknecht-Haus und die Parteizentrale der Grünen treffen. Es steht allerdings, man merkt es, zu fürchten, dass die Wahl weniger ästhetischen Argumenten folgt. Man denke in diesem Zusammenhang noch einmal an die Spinnen und ihre Sicht auf Schön- und Hässlichkeit. Von dem Bedenken ist es nicht mehr weit zu einer etwas kalauerhaften Conclusio: Die spinnen, die Briten.uem

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