• Die Analytikerin Alice Miller über Kinder, die Züchtigungen nicht vergessen, und über die deutschen Probleme, das Gesetz zu ändern

Politik : Die Analytikerin Alice Miller über Kinder, die Züchtigungen nicht vergessen, und über die deutschen Probleme, das Gesetz zu ändern

In der B,esrepublik soll erstmals seit ihrem Bes

Alice Miller (76) ist Psychoanalytikerin und Autorin. Zu ihren bekanntesten Werken gehört: "Das Drama des begabten Kindes." Mit der Schweizerin sprach Gabriele Mittag.

In der Bundesrepublik soll erstmals seit ihrem Bestehen das Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung festgeschrieben werden. Schweden hat bereits 1979 ein solches Gesetz eingeführt. Wie hat sich das ausgewirkt?

Das Gesetz hat die Mentalität verändert. Jetzt gibt es Eltern, die mit ihren Kindern spielen, was vor 20 Jahren nicht der Fall war. In den Meinungsumfragen lehnen jetzt nur noch zehn Prozent der Befragten das Gesetz ab. 90 Prozent sind dafür. Als das Gesetz 1979 eingeführt werden sollte, waren noch 70 Prozent dagegen. Jetzt weiß jeder, dass ein Kind nicht geschlagen werden darf. Bislang hat man angenommen, dass das Schlagen etwas Selbstverständliches ist.

Woher kam diese Selbstverständlichkeit?

Weil man selbst geschlagen wurde. Andere Gründe dafür gab es nicht.

Wie erklären Sie sich, dass in der Bundesrepublik noch 1999 Eltern ihre Kinder züchtigen dürfen, obwohl man annehmen könnte, dass im Jahrhundert der Psychologie und Psychoanalyse bekannt ist, dass das schädlich ist?

Die Antwort ist für mich eindeutig, aber sie kommt immer wieder schwer durch. Ich erkläre es mir damit, dass die Leute, die das Gesetz nicht einführen wollen, selbst geschlagene Kinder waren. Ein geschlagenes Kind wird sehr früh diese Information im Körper speichern, dass Schlagen normal und für das Kind gut ist. Denn das sagt man ihm: Das ist ja zu deinem Besten. Wir wissen: Je früher wir etwas lernen, desto stärker wirkt das in uns.

Das würde ja bedeuten, dass die Mehrheit der Bevölkerung beziehungsweise der Bundestagsabgeordneten geschlagen worden ist.

Absolut. So viel hat sich da im übrigen nicht geändert. In Amerika hat man die Mütter befragt, ob sie die Kinder schlagen. 90 Prozent haben die Frage bejaht. Am meisten schlägt man kleine Kinder. Denken Sie, was das für Folgen hat! Für mich sind die schlimmsten Folgen die, dass diese Kinder in 20, 30 Jahren behaupten werden, das sei gut gewesen.

Das würde auch bedeuten, dass die 68er-Bewegung, die Reform- und Protestbewegungen, kaum etwas verändert hat.

Ja. Es hat sich leider noch nicht sehr viel verändert. Aber es besteht Hoffnung, dass sich doch bald etwas ändern wird, weil in den letzten Jahren sehr viel über das kindliche Gehirn gearbeitet wurde. Und diese Forschungen werden den Leuten die Augen öffnen. Man wird in Zukunft unmöglich behaupten können, dass das Schlagen unschädlich ist. Solche Behauptungen beruhen auf der sehr frühen Konditionierung der Kinder, die heute eben Parlamentarier sind und bestimmen, was Gesetz wird. Aber es muss sich sehr viel verändern, weil wir wissen, dass das, was das Kind in den ersten drei Jahren erfährt, in die Strukturen seines Gehirns eingeht und dass das zum Teil irreversible Folgen hat. Meine Hoffnung ist, dass wir die Informationen, die wir heute schon haben, so schnell wie möglich verbreiten. Viele Eltern werden erleichtert sein. Ich höre immer wieder von jungen Müttern, die sagen: Ich möchte mein Kind nicht schlagen, aber ich muss, weil es sonst doch nicht verstehen wird. Es muss doch gehorchen.

Es ist erstaunlich, dass Sie immer wieder behaupten, die Bedeutung der Erfahrungen in der Kindheit für das weitere Leben würden noch immer unterschätzt. Ist es nicht Allgemeingut, wie wichtig die ersten Jahre sind? Und immerhin gibt es doch die Psychoanalyse, die sich doch mit der Entwicklung in den ersten Jahren beschäftigt hat.

Das stimmt nicht. Die Psychoanalyse hat das Wissen über Kindesmisshandlungen unterdrückt. Freud hat seine ursprüngliche Entdeckung, dass Kinder von ihren Eltern missbraucht werden nach ein paar Jahren fallen lassen und behauptet, er hätte sich getäuscht. Tatsächlich, so Freud, sei es so, dass das Kind sexuelle Wünsche an die Eltern richtet. Genau das ist ja der Sinn des Ödipus-Komplexes. Der Sohn möchte mit der Mutter schlafen und den Vater umbringen. Das ist die Psychoanalyse. Ich habe das in dem Buch "Du sollst nicht merken" sehr kritisiert, weil ich meine, dass es den Patienten dadurch unmöglich gemacht wurde zu berichten, was ihnen real geschehen ist. Man hat das in Analysen als Fantasien bezeichnet. Das halte ich für sehr gefährlich. Vielleicht hat sich das jetzt geändert. Aber im Grunde wäre das gegen Freuds Theorie und das darf wieder nicht sein, weil es eine Organisation gibt, die daran festhält, dass Freud mit dieser Fantasie-Theorie recht hatte. Die Psychoanalyse hat Theorien über frühkindliche Entwicklungen, aber sie ist den Tatsachen der Kindesmisshandlungen nie gerecht geworden.

Immer geht es in Ihren Büchern um die Gewalt an Säuglingen und Kindern. Andere sagen, dass die Vernachlässigung und das totale Desinteresse der Eltern an den Kindern, die sich selbst und den Medien überlassen sind, heute ein viel dringenderes Problem ist. Warum dieser Fokus auf die Gewalt?

Ein Erwachsener darf nicht geschlagen werden. Warum dann ein Kind? Ich habe einmal in Frankreich ein Interview gegeben, der Mann hat alles verstanden, und zum Schluss sagte er: "Ich habe auch meine Kinder geschlagen, aber nur wenn ich wütend war." Ich habe ihm gesagt: "Wenn Sie eine Wut haben, gehen sie dann auch ins Nebenzimmer und schlagen Ihre Kollegen?" "Nein", sagte er, "um Gottes Willen nicht!" Dieses "um Gottes Willen nicht" müsste auch bei Kindern eingeführt werden. Nur um das geht es.

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