Politik : Die Bürgermeisterwahl in Lübeck - ein Warnzeichen für die Union

Karsten Plog

Die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis konnte am Sonntagabend in Lübeck gleich zweimal feiern. Zunächst hatte sie in der Musikhochschule dem frisch gebackenen Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass einen Empfang gegeben. Nachdem sie zum Schluss gemeinsam mit dem Geehrten eine heiße Sohle aufs Parkett gelegt hatte, konnte sie im Audienzsaal des Lübecker Rathauses ihren Parteifreund Bernd Saxe bejubeln. Der hatte in einer Stichwahl um das Bürgermeisteramt den CDU-Kandidaten Hans-Achim Roll aus dem Feld geschlagen. Roll hatte noch vor Wochen als haushoher Favorit gegolten und vor vierzehn Tagen im ersten Wahlgang knapp die Nase vorn gehabt. Jetzt steckten die Genossen Wunderkerzen an und schickten die geschlagenen CDU-Kandidaten mit dem Shanty "Rolling home" nach Hause.

Eigentlich hätte Lübeck für die Union ein Fanal werden sollen auf dem Siegeszug der CDU und Volker Rühes in das Landeshaus an der Kieler Förde. Lübeck, das ist die Stadt Willy Brandts, aber auch des einstigen SPD-Hoffnungsträger Björn Engholm. Der Bürgermeistersessel ist hier so etwas wie ein Erbstück der Sozialdemokraten. Sie liegen sich zwar immer wieder einmal heftig in den Haaren. So auch unter dem jetzt scheidenden Bürgermeister Michael Bouteiller (SPD), der auch in den eigenen Reihen umstritten war. Aber bisher haben sie noch immer irgendwie die Kurve gekriegt. Die CDU wollte das mit ihrem Kandidaten Roll gründlich ändern. In Lübeck konnte der CDU-Ehrenvorsitzende Helmut Kohl kurz vor dem ersten Durchgang dieser Bürgermeisterwahl noch einmal einen Triumph feiern, als ihm bei der Abschlussveranstaltung dieses Wahlkampfes mehr als 2000 CDU-Anhänger begeistert "Helmut, Helmut" zuriefen und sich zu längeren Ovationen von ihren Stühlen erhoben. Doch das war in Wahrheit bereits der Auftakt zur Wende. Als das Ergebnis der ersten Bürgermeisterwahl vorlag, trat bei der CDU bereits erhebliche Ernüchterung ein. Der Vorsprung Rolls war auf 349 Stimmen geschrumpft. Trotzdem bemühte sich Volker Rühe, der Spitzenmann der CDU für die Landtagswahl, daraus noch einen großen Sieg zu machen. Es sei ein hervorragendes Ergebnis, bei der Stichwahl werde man das gesamte bürgerliche Lager auf Roll vereinen können und den Roten den Bürgermeistersessel wegnehmen, kündigte er an. Er hat sich gründlich geirrt.

Sowohl die SPD wie auch Sprecher der CDU hüteten sich in ihren ersten Reaktionen, zumindest öffentlich aus dem Lübecker Ergebnis sichere Trends für diebevorstehende Landtagswahl herauszulesen. Dabei dürften die Motive durchaus unterschiedlich sein. Volker Rühe muss befürchten, dass seine Partei nach dem monatelangen Höhenflug jetzt abstürzt und Resignation eintritt. Rühe sprach von "Problemen der Bundes-CDU im Zusammenhang mit den Parteienfinanzierungs-Problemen". Lübeck sei ein Warnzeichen an die Union, "gründlich aufzuklären" und die Schwierigkeiten noch rechtzeitig zu lösen. Der Kieler CDU-Generalsekretär, Wadepuhl, forderte seine Bundespartei auf, in der Spendenaffäre "jetzt sehr schnell für Klarheit zu sorgen", damit der Wahlkampf nicht zu sehr beeinflusst werde. Heide Simonis dagegen warnte davor, Lübeck mit dem gesamten Bundesland gleichzusetzen: "Wir müssen noch zwei Monate hart arbeiten."

Vor wenigen Wochen war es noch genau umgekehrt gewesen: Damals beklagte die Kieler SPD den Zustand von Bundesregierung und Bundespartei, während Volker Rühe und die Landes-CDU schon die Regierungssessel verteilten. Es sei einmal etwas anderes, nicht nur mit Rückenwind zu kämpfen, hatte Rühe noch vor vierzehn Tagen gesagt, als Kohl in Berlin sein Geständnis in Sachen Spenden abgelegt hatte. Jetzt hat der Gegenwind Sturmstärke erreicht.

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