Die deutschen Meere : Wie geht es Nord- und Ostsee ?

Die Kegelrobbe ist in die deutschen Meere zurückgekehrt. Ein Erfolg für den Naturschutz. Unter der Wasseroberfläche ist der Kampf gegen Plastikmüll, Überfischung und Industrialisierung mühsamer.

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Die Badefreuden an der Ostsee werden wegen der Umweltprobleme nicht getrübt.
Die Badefreuden an der Ostsee werden wegen der Umweltprobleme nicht getrübt.Foto: Mauritius/dpa

Wenn Ulrich Bathmann über die Ostsee redet, geht ihm der Gesprächsstoff nie aus. Der Professor ist Direktor des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW). Die Ostsee ist ein Sonderfall – und als solcher aus Bathmanns Sicht auch ein ideales Forschungsgebiet. „Was wir hier in der Ostsee erforschen, lässt sich oft auch für andere Ozeane anwenden“, sagt er. Die Ostsee ist ein Testfall für die Meere der Welt. Ein Sonderfall ist sie deshalb, weil sie ein junges Schelfmeer ist. Sie ist 10 000 bis 11 000 Jahre alt und entstand erst nach der letzten Eiszeit. Vor etwa 20 000 Jahren war sie komplett mit Eis bedeckt. Bathmann fasziniert, dass die Ostsee in diesem kurzen Zeitraum mehrere Phasen durchlaufen hat: als Süßwassersee, als ein „total marines“ Salzwassermeer und heute als ein Brackwassermeer mit einem Wassereinzugsgebiet, in dem 85 Millionen Menschen leben. 30 Flüsse münden in die Ostsee. Die Europäische Union hat ihren Mitgliedstaaten mit der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie aufgegeben, die Meere in einen „gesunden Zustand“ zu bringen. Bathmann weiß genau, was er darunter versteht: die Ostsee um 1880, bevor das Haber-Bosch-Verfahren zur Herstellung von Ammoniak im großen Stil eingesetzt wurde, um Kunstdünger herzustellen. „Es hat sich schon einiges zum guten Umweltzustand hin verbessert“, sagt er. Aber er weiß auch, was dazu noch fehlt.

DIE ARTENVIELFALT

Weißes Fell, schwarze Knopfaugen: Junge Kegelrobben sind unwiderstehlich. Sie waren in der Nordsee fast verschwunden. Im Bericht über die FFH-Naturschutzgebiete 2007 meldete Deutschland sechs Kegelrobben an die EU-Kommission in Brüssel. Im FFH-Bericht 2013 waren es dann zwischen 143 und 1355 Tieren. Das schrieb Umweltstaatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD) in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Umweltpolitikerin Steffi Lemke (Grüne). Kegelrobben halten sich in der Regel nicht das ganze Jahr am gleichen Platz auf. Daher die Bandbreite der Zahlen. Die Seehund-Population ist ebenfalls gewachsen: von 9363 Tieren 2007 auf 18 000 bis 21 000 im Jahr 2013. Selbst der Schweinswal bleibt der Nordsee treu, obwohl es ihm nicht leicht gemacht wird. 2007 meldete die Bundesregierung 1565 Schweinswale nach Brüssel, 2013 zwischen 30 000 und 104 000. In der Ostsee tut er sich deutlich schwerer.

Bei den Vögeln ist das Ergebnis gemischt. Die Zahl der Austernfischer geht zurück, während die Löffler „wieder zum normalen Bild gehören“, sagt der Wattenmeer-Experte der Umweltstiftung WWF, Hans-Ulrich Rösner. In ihrer Antwort auf Lemkes Anfrage zitiert Schwarzelühr-Sutter den Bericht der Regierung über die Vogelschutzrichtlinie an die EU. Auffällig darin ist, dass sich kaum klare Aussagen machen lassen. Über die Hochseevögel am wenigsten. Aber Eissturmvögel, Basstölpel und Dreizehenmöwen tun sich im gesamten Nordatlantik schwer. Wie schwierig eine klare Einschätzung ist, zeigt ein Blick auf die Familie der Taucher. Die Zahl der Haubentaucher und Ohrentaucher steigt, die der Rothalstaucher sinkt, und bei den Stern- und Prachttauchern meldet die Bundesregierung eine schwankende Bestandsgröße. Rösner ist dennoch überzeugt, dass einige Arten davon profitiert haben, dass das Wattenmeer seit Jahren ein Schutzgebiet und inzwischen grenzüberschreitend Unesco-Weltnaturerbe ist. Aber Schutzgebiete allein reichen nicht aus, sagt er.

DIE FISCHEREI

Das Nahrungsnetz in Nord- und Ostsee hat sich durch die Fischerei so verändert, dass die Artenzusammensetzung kaum wiederzuerkennen ist. Darauf weist der Meeresexperte der Umweltorganisation Greenpeace, Thilo Maack, hin. Rochen oder Röhrenwürmer seien komplett verschwunden. Die Schleppnetzfischerei, bei der die Fischer den Meeresboden regelrecht umgraben und nur noch eine Wüste hinterlassen, lässt vielen Fischarten kaum eine Chance. Zumindest in der Tiefsee unterhalb von 800 Metern dürfen in der EU künftig keine Schleppnetze mehr eingesetzt werden. Aber beliebte Speisefische wie die Seezunge werden weiter so gefangen. Maack sagt: „Für ein Kilogramm Seezunge werden 13 bis 14 Kilogramm Fisch aus dem Meer gezogen.“ Die Krabbenfischerei werde sogar im Wattenmeer „flächendeckend“ weiter betrieben, kritisiert Rösner, obwohl es die Auflage gibt, in der Hälfte des Schutzgebiets keine Fische, Krabben oder Muscheln mehr aus dem Meer zu holen. Dabei ist die kommerzielle Fischerei nicht das einzige Problem, berichtet der WWF-Ostsee-Experte Jochen Lamp. In der Ostsee ziehen die Hobby-Angler und die Urlauber mehr Dorsch aus dem Meer als die professionellen Fischer. Tatsächlich fischen sie den Berufsfischern „fast die gesamte Fangquote weg“, sagt Lamp.

Ulrich Bathmann berichtet von Forschungsergebnissen aus Norwegen und Irland am Rand von Meeres-Windparks: Dort sind die Erträge deutlich höher, weil zwischen den Windrädern nicht gefischt werden darf. „Aber diese Erkenntnis hat sich bei den deutschen Fischern noch nicht durchgesetzt“, bedauert Bathmann und meint damit, dass die Erträge für die Fischer steigen, wenn sie ein System von nicht befischten und für die Fischerei freigegebenen Gebieten akzeptieren würden. Von Null-Entnahmezonen hält Bathmann allerdings weniger als die Umweltverbände. Denn er fürchtet, dass dann auch Forschungsprogramme in diesen Gebieten nicht mehr möglich wären. Dann könnte aber nicht einmal überprüft werden, was Schutzgebiete tatsächlich bringen können.

NITRAT UND PHOSPHOR

Das schwierigste Kapitel vor allem in der Ostsee ist die viel zu hohe Nährstoffversorgung. Beim Phosphor, berichtet Bathmann, ist es viel besser geworden. Seit Waschmittel phosphatfrei sind und „die Versorgung mit Kläranlagen“ fast überall abgeschlossen ist, sind die Werte besser geworden. Allerdings gibt es in der Ostsee weiterhin hohe Phosphatwerte, weil der Wasseraustausch mit der Nordsee im Schnitt etwa 35 Jahre dauert. Quallen lieben dieses überdüngte Meer. Die meisten seien „harmlose Ohrenquallen, die Badegäste nicht verletzen“, sagt Bathmann. Die Polypen der Quallen finden an den Fundamenten der Offshore-Windparks ideale Bedingungen, um Quallen hervorzubringen. Der Nährstoffreichtum und die neuen Bauwerke, die durch die Ausbeutung des Windes, aber auch durch den Bergbau, etwa die Ölförderung im Wattenmeer oder den Sand- und Kiesabbau in der Ostsee entstehen, bieten den Quallen beste Bedingungen.

Weniger lustig finden die Badegäste in der Ostsee die Blaualgen. „Tatsächlich sind es Cyano-Bakterien“, erzählt Bathmann. Diese Organismen können Stickstoff aus der Luft aufnehmen. An der Wasseroberfläche gibt es genug Energie, um die chemischen Prozesse in Gang zu setzen. Etwa ein Viertel der in die Ostsee eingetragenen Nitrate kommen nicht aus der Landwirtschaft, sondern aus Verkehrsabgasen, von Schiffen, oder durch ungünstige Winde vom Land von Autos. Dazu kommt die Überdüngung an Land. Was Pflanzen nicht aufnehmen, landet irgendwann im Meer. Um das Problem in den Griff zu bekommen, müsste sich die landwirtschaftliche Praxis rund um die Ostsee stark verändern. Es müsste zielgerichtet gedüngt werden, sodass Nitrat und Phosphor tatsächlich in den Pflanzen landen und nicht in den Flüssen und schließlich in den Meeren.

STRESSFAKTOREN

Bei 20 Tauchgängen hat Greenpeace beim Sylter Außenriff eine Tonne „Geisternetze“, also verlorene oder absichtlich im Meer versenkte Fischernetze, geborgen. Sie fingen an drei Schiffswracks tonnenweise Fische. Der WWF hat deshalb in der Ostsee damit begonnen, Geisternetze zu bergen. Dazu kommt all das Plastik, das über die Flüsse ins Meer geschwemmt wird. Alle Gewässer sind mit hohen Anteilen an Mikroplastik belastet, das Fische und Vögel für Nahrung halten. Sie verhungern mit vollem Magen. An die Kleinstteilchen lagern sich Chemikalien an, die über Fische auch in der menschlichen Nahrungskette landen.

Dabei hat die Belastung mit klassischen Umweltchemikalien abgenommen. „Als wir mit Greenpeace angefangen haben, konnte man im Rhein Filme entwickeln, und in der Nordsee wurde noch Dünnsäure verklappt“, sagt Thilo Maack. Die Zeiten seien vorbei. Bathmann berichtet jedoch, dass Pharmazeutika wie etwa Anti-Depressiva, Kreislaufmittel oder Hormone wie die Pille, die vom menschlichen Körper nicht vollständig aufgenommen werden, in der Ostsee landen. Seit eineinhalb Jahren arbeitet sein Institut daran, Messmethoden für diese Substanzen zu finden. Das sei aber nicht ganz einfach, weil die Pharmaindustrie die chemische Zusammensetzung aus Patentrechtsgründen geheim halte. „Wir wollen wissen, wie diese Chemikalien im Meer wirken“, sagt Bathmann.

SCHUTZGEBIETE

Der Meeresexperte Thilo Maack hat sich vor ein paar Wochen angeschaut, was es gebracht hat, dass Greenpeace vor acht Jahren große Steine vor Sylt versenkt hat. Der begeisterte Taucher war beeindruckt von der Artenvielfalt, die er am Sylter Außenriff vorgefunden hat: Seenelken, Seedahlien und Standfische hat er gesehen. „Wir schützen diesen Lebensraum vor der Schleppnetzfischerei“, begründet Maack die Sache mit den Steinen. Das Gebiet soll ein Meeresschutzgebiet werden, das hat die Bundesregierung schon vor Jahren vorgeschlagen, „aber dann passierte nichts“.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Steffi Lemke sagt: „Für die Schutzgebiete in der Ostsee liegen noch nicht einmal Entwürfe für Fischereimaßnahmen vor. Hier kann weiterhin ungehindert gefischt und Sand und Kies abgebaut werden.“ Nur „in 0,002 Prozent des gesamten deutschen Meeresgebiets ist dies verboten“, kritisiert Lemke.

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