Die Deutschen und die Flüchtlinge : Wie uns die Flüchtlinge moralisch entlasten

Jahrzehntelang waren uns die Syrer egal, plötzlich sind sie in Deutschland herzlich willkommen. Woher kommt diese neue Humanität? Ein Kommentar.

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Flüchtlinge sind in Berlin willkommen - das ist nicht nur die Botschaft dieser Demonstranten in Wedding, sondern auch eines angeblichen Willkommensfestes vor dem Roten Rathaus.
Flüchtlinge sind in Berlin willkommen - das ist nicht nur die Botschaft dieser Demonstranten in Wedding, sondern auch eines...Foto: Paul Zinken/dpa

„Wir schaffen das“, sagt Angela Merkel, und alle jubeln, dass die Kanzlerin endlich die richtigen Worte gefunden hat. Der Satz klingt wie eine Durchhalteparole. Til Schweiger, der Schauspieler, sagt, es ist „unsere Pflicht“, Menschen Schutz zu gewähren. Es war unsere Pflicht, Griechenland zu retten, jetzt ist es unsere Pflicht, hunderttausende Flüchtlinge aufzunehmen. Deutschland nimmt gern große Aufgaben an, und mit Pflicht kennen wir uns aus.

Der humanitäre Helfer stellt solche Fragen nicht

Jahrzehntelang waren uns die Syrer egal, ob sie von Assad, Vater und Sohn, gequält und gefoltert wurden oder ob sie der Hisbollah halfen, Israel anzugreifen. Zuletzt haben wir der Flucht und Vertreibung innerhalb der Region zugeschaut, dem Morden des „Islamischen Staates“, dem Zerfall ganzer Staaten. Vollkommen unbeteiligt. Nun ist plötzlich eine „nationale Kraftanstrengung“ (Merkel) gefragt, um denselben Menschen zu helfen. Das Ziel, Flüchtlinge zu verhindern, indem die Flucht unnötig gemacht wird, ist nie verfolgt worden. Die Flüchtlinge sind nicht Folge einer gescheiterten Außenpolitik, sondern einer, die im Zweifelsfall lieber Menschen entwurzelt und in einem anderen Kulturkreis zu integrieren versucht, als sie in ihrer Heimat zu schützen. Ein politisches Prinzip, das keine Grenzen kennt.


Wer nun kommt, was sie können oder wollen, ist noch immer egal. Ob eine oder zwei Millionen kommen. Ob sie am Bürgerkrieg beteiligt waren, ob sie Muslime oder Christen sind, ob Demokraten oder Antisemiten, Traumatisierte oder Augenärzte. Der humanitäre Helfer stellt solche Fragen nicht. Er will den Flüchtling stattdessen von heute auf morgen zum Gasthörer an der Universität machen. „Im Einzelfall können wir die Gebühren auch erlassen“, sagt HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz. Aber woher kommt diese unglaubliche Humanität, plötzlich, nach all den Jahren des Schulterzuckens, woher das Pflichtgefühl? Und vor allem: Wie glaubwürdig – und damit gesellschaftlich belastbar – sind diese plötzlichen Empfindungen überhaupt?
Durchhalten, wir schaffen das: Dieses Wir schließt die Flüchtlinge nicht ein. Es geht, wie immer bei den Deutschen, um die Deutschen. Wie schon die Griechenland-Rettung wird auch die Flüchtlingssituation zum Test: Haben wir die richtige Haltung? Sind wir anständige Deutsche oder Fremdenfeinde? Komplizierte politische Fragen werden auf diese Weise zu Bekenntnisfragen. Und jeder Flüchtling, den wir aufnehmen, liefert darauf die Antwort: Die Deutschen sind gut. Und damit wir nicht nur sparsamer als die anderen in Europa sind, sondern auch anständiger, nehmen wir auch mehr auf.

„Pädagogisches Positivfernsehen“

Denn die Flüchtlinge entlasten uns. Das moralische Misstrauen der Deutschen gegenüber sich selbst ist so groß, dass in jedem Akt von Fremdenfeindlichkeit das wahre Gesicht der Deutschen vermutet wird. „Eine enthemmte Minderheit besudelt und beschämt unser ganzes Land“, sagt Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich und auch Merkel betont, dass das Bild Europas in der Welt davon geprägt wird, wie wir mit den Flüchtlingen umgehen. Der ZDF-Moderator Claus Kleber hat in einem Interview gesagt, dass es darum gehe, „den Zuschauern nicht nur etwas zuzumuten, sondern ihnen auch Ideen zu geben, wie Probleme angepackt werden können“. Man dürfe aber nicht nur „pädagogisches Positivfernsehen“ veranstalten. In einem unreifen Land ist, solange man es natürlich nicht übertreibt, ein bisschen Erziehung durchs Staatsfernsehen gut und hilfreich.


So umgibt jedes politische Problem ein vergangenheitsgesättigter Kokon aus Schuld und Scham. Der kennt nur noch Hell oder Dunkel, Krieg oder Frieden, Askese und Pflichtgefühl. Vielleicht nehmen wir all die Flüchtlinge aber nur auf, weil wir uns nach einer neuen nationalen Kraftanstrengung sehnen, die wir so radikal durchführen, dass allen angst und bange werden muss. Vielleicht nehmen wir die Flüchtlinge auf, weil wir Angst vor der demografischen Entwicklung haben. Weil wir in den Syrern die zweitbesten Gastarbeiter sehen, nachdem die vermeintlich besten, die Inder, nie gekommen sind. Dann wären die Schlepper keine Verbrecher, sondern Dienstleister der deutschen Wirtschaft. Andrea Nahles hat es bereits durchgerechnet: „Wir werden davon auch etwas haben.“ Vielleicht brauchen wir die Flüchtlinge, damit die „New York Times“ ja nichts Schlechtes über Deutschland berichtet. Vielleicht denken wir, dass es den Syrern besser geht, wenn sie gar keine Syrer mehr sind, sondern Deutsche – wie wir auch bei den Griechen denken, dass ihnen zum größeren Glück vor allem der deutsche Steuerbeamte fehlt. Was wir wollen, wollen wir lieber nicht wissen. Entscheidend ist: Wir schaffen das.

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