Die Familien der NSU-Mordopfer : Vom langen Weg zurück in die Gesellschaft

Falsche Verdächtigungen haben den guten Ruf der Familien zerstört, die Öffentlichkeit weiß nichts vom täglichen Kampf der Hinterbliebenen. Und dann tritt auch noch der Bundespräsident zurück, dem sie vertraut haben. Was haben die Angehörigen durchgemacht?

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Ombudsfrau. Barbara John kümmert sich im Alleingang um die Familien. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Ombudsfrau. Barbara John kümmert sich im Alleingang um die Familien. Foto: Kai-Uwe HeinrichFoto: dapd

Was haben die Familien nach den Morden erlebt?

Die Geschichte der betroffenen Familien und Angehörigen ähnelt sich vor allem in einem Punkt: Die Verdächtigungen führten nicht nur zum Verlust der sozialen Kontakte, sondern oftmals auch zur Zerstörung des familiären Zusammenhalts. Falsche Verdächtigungen gingen meist tagelang durch die Medien, entweder es waren Blumenschmuggler, Drogendealer, die Türken-Mafia, die Wettpaten oder Internet-Kriminelle. Als der Grieche Theodoros Boulgarides in München ermordet wurde, titelte eine Zeitung: „Türken-Mafia schlug wieder zu.“ Viele Angehörige beschreiben, dass sie den Reflex im Kopf hatten, nur nicht auszusprechen, dass es Neonazis gewesen sein könnten. Aus Angst vor Auseinandersetzung und Diffamierung. Aber die Verdächtigungen führten in den Familien auch dazu, dass man innerlich zerrissen war. Einerseits wusste man von der Unschuld der eigenen Familie, des eigenen Vaters, Bruders oder Sohnes, andererseits hatte man ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Toten, weil man manchmal doch glaubte, es gäbe einen kriminellen Hintergrund. Ein Bruder sagt, er habe irgendwann selbst geglaubt, dass „wir Feinde haben“.

Sehr viele Familien beklagen einen Mangel an Empathie der Ermittler oder Behörden für die Hinterbliebenen. Allein die Verhörmethoden der Polizei haben tiefe Wunden geschlagen. Eine Ehefrau wischte, nachdem die Spurensicherung durch das Geschäft des Ehemanns gegangen und sie verhört worden war, am Ende mit einem Wischmopp das Blut und die Gehirnteile des toten Mannes weg. Sie fand sogar Patronenhülsen, die Polizei hatte sie wohl vergessen.

Ein Vater, der seinen Sohn noch im Arm hielt und ihn verbluten sah, wurde direkt vom Tatort auf die Polizeistation gebracht und verhört. Trotz dieser Schilderungen ist die Polizei sehr sensibel, wenn es um die Kritik an ihren Ermittlungsmethoden geht. So hat sich der Opferbeauftragte der Kölner Polizei beispielsweise bei der Ombudsfrau der Bundesregierung, Barbara John, darüber beschwert, dass diese in Fragebögen die Familien gefragt habe, wie die Polizei mit ihnen umgegangen sei. Auch im Fall der getöteten Polizistin Michèle Kiesewetter spielten falsche Verdächtigungen eine fatale Rolle. Nachdem BKA-Chef Jörg Ziercke öffentlich von einer „Beziehungstat“ sprach und andeutete, dass die Polizistin das Trio gekannt haben könnte, erlebte die Familie Tage wie Albträume. Verwandte trauten sich nicht mehr nach Hause, weil überall die Presse wartete, Kamerateams, Fotografen, Reporter. Auch hier hatte ein unmöglicher Verdacht in Rekordzeit die Ehre einer ganzen Familie untergraben.

Generell ist Barbara John davon überzeugt, dass die Familien, weil sie Opfer waren und Täter sein sollten, ihr soziales Umfeld verloren haben. Angehörige wandten sich ab, zerstritten sich, verdächtigten selbst andere Angehörige, manche Verwandte durften nicht einmal bei der Beerdigung dabei sein, Kindern wurde das Erbe verweigert. Der familiäre Zusammenhalt, quasi als letzte Reißleine, sagt Barbara John, sei kaputtgemacht worden.