Politik : Die Felsen des Sisyphos

Von Dorothee Nolte

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Edelgard Bulmahn muss sich wie ein weiblicher Sisyphos fühlen. Unermüdlich stemmt sie ihre Reformbrocken den Berg hinauf, aber oben stehen 16 Helden, von denen einige den Fels immer wieder hinunterstoßen. So geht es abwärts mit den EliteUniversitäten, über die sich die Länder bisher nicht mit dem Bund einigen konnten. Und nun mit der Juniorprofessur, die Bulmahn bundesweit als den Regel-Weg zur Professur einführen wollte: Drei unionsregierte Länder sahen darin einen Eingriff in ihre Kulturhoheit, und das Bundesverfassungsgericht hat ihnen Recht gegeben. Die entsprechenden Passagen im Hochschulrahmengesetz sind nichtig. Dieser Brocken wird Bulmahn richtig wehtun.

Das Urteil aus Karlsruhe bedeutet, wohl gemerkt, nicht das Ende der Juniorprofessur. Das wäre auch absurd – haben doch sogar Hochschulen aus dem KlägerLand Sachsen längst Juniorprofessuren eingeführt. In Deutschland arbeiten um die 600 Juniorprofessoren; es wäre grotesk, diese Nachwuchswissenschaftler um ihre Karrierechancen zu bringen. Abgesehen davon ist es nicht Aufgabe der Verfassungsrichter zu bestimmen, was der beste Weg zum Lehrstuhl ist. Fünf von acht Verfassungsrichtern haben vielmehr entschieden: Der Bund hat nicht das Recht, die Juniorprofessur zum Regel-Karriereweg für Professoren zu machen und die Habilitation abzuschaffen.

Die Länder müssen nun selbst Wege finden und sich einigen, ob und wie sie die Juniorprofessur neben der Habilitation etablieren. Das Urteil schränkt die Eingriffsmöglichkeiten des Bundes in die Hochschulpolitik stark ein. Bulmahn oder künftige Bundesminister werden nur dann noch Felsbrocken den Berg hinaufrollen können, wenn die 16 Helden mitstemmen. Da wird manches Zukunftsprojekt unten liegen bleiben.

Die Juniorprofessur ist von der Idee eine vernünftige Sache, auch wenn sie bisher nicht alle Erwartungen erfüllt hat. Aus guten Gründen haben der Wissenschaftsrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihre Einführung bereits vor Jahren empfohlen. Junge Wissenschaftler kommen nach ihrer Promotion früher in verantwortliche Positionen, sie lernen alle Aufgabenfelder eines Professors kennen, inklusive Management und Gremienarbeit.

Vor allem aber lehren und forschen sie selbstständig und müssen nicht einem einzelnen Professor zuarbeiten, wie der klassische wissenschaftliche Assistent. Der nämlich schreibt – je nach Fach – ungefähr sechs Jahre lang an seiner Habilitatonsschrift, unterrichtet und muss, wenn er Pech hat, nebenbei die Hausarbeiten aus den Seminaren des Professors korrigieren oder Aufsätze schreiben, die unter dem Namen seines Chefs veröffentlicht werden. Die Juniorprofessur ist zeitgemäßer als die Habilitation und für junge Wissenschaftler der attraktivere Weg.

Nach dem Urteil wird es wohl ein Nebeneinander beider Qualifikationswege geben. Je nach Fächerkultur wird sich der eine oder andere durchsetzen. Für Nachwuchswissenschaftler wird die Lage nicht leichter. Sie werden sich oft genötigt sehen, trotz der Juniorprofessur zu habilitieren. Denn der „Initiationsritus“ Habilitation hat mit Riten der Massai oder englischer Internatsschüler wohl eines gemein: Wer sie einmal, sei es mit Schmerzen, durchlaufen hat, ist zumeist der Meinung, dass auch nachfolgende Generationen sie erdulden sollten.

Alle wichtigen Anstöße in der Bildungspolitik seien in den letzten Jahren vom Bund gekommen, nimmt Ministerin Bulmahn für sich in Anspruch. Das bestreiten die Länder. Aber ganz unrecht hat Bulmahn nicht. Die Länder hätten von sich aus schon mangels Finanzkraft wohl kaum Reformprojekte wie die Ganztagsschule, die Juniorprofessur oder auch Elite-Unis bundesweit angestoßen. Der Bund dagegen stellt dafür Millionen oder Milliarden zur Verfügung.

Allerdings können die Länder jetzt auf Geld aus anderer Quelle hoffen. Nach dem gestrigen Urteil ist zu erwarten, dass Bulmahns Verbot von Studiengebühren, gegen das CDU-regierte Bundesländer klagen, ebenfalls fällt. Da rollt ein ganz anderer Brocken auf sie zu.

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