Politik : Die Frage lautet: Was wird nach diesem Krieg kommen?

GERD HÖHLER

ATHEN .Kein Tag vergeht mehr in Griechenland, ohne daß die Menschen mit Demonstrationszügen gegen die NATO-Bombardements im benachbarten Jugoslawien demonstrieren.Die Griechen bewegt vor allem eine Sorge: daß der Kosovo-Krieg einen Domino-Effekt auslösen könnte, der die ganze Balkanregion ins Chaos stürzt.

Von Anfang an trug die Athener Regierung die Bombardements nur halbherzig mit.Ministerpräsident Kostas Simitis mahnt seitdem bei jeder Gelegenheit die Einstellung des Feuers und neue Verhandlungen an.Er nimmt damit nicht nur Rücksicht auf die pro-serbische Stimmung im Land; der Premier fürchtet auch, der Kosovo-Krieg könne die Stabilität in der Region auf Jahrzehnte hinaus gefährden.

Daß das Kosovo im jugoslawischen Staatsverband bleibt, wird immer unwahrscheinlicher.Entweder kommt es zu einer Teilung der Provinz, oder die Region wird zu einem Protektorat der NATO.Beides wäre aus griechischer Sicht ein gefährlicher Präzedenzfall.Denn es würde bedeuten, daß man die bestehenden Grenzen der jugoslawischen Föderation antastet.Wenn man erst einmal den Kosovo-Albanern volle staatliche Autonomie zugesteht, dann könnte das nicht nur Autonomiebestrebungen anderer Minderheiten auslösen, sondern auch Begehrlichkeiten mancher Regierungen wecken.Die Türkei könnte beispielweise Ansprüche auf das griechische Westthrazien anmelden, wo eine türkischstämmige Minderheit lebt.Bulgarien könnte Teile Mazedoniens zu annektieren versuchen oder sich auf einen Zugang zur Ägäis besinnen.

"Keine Veränderung der bestehenden Grenzen", lautet daher die Beschwörungsformel griechischer Politiker zur Lösung des Konflikts.Sie betrachten ein starkes Serbien und ein geeintes Jugoslawien als Faktor der Stabilität.Auch deshalb, und nicht nur wegen historischer und religiöser Bindungen, stehen die allermeisten Griechen in diesem Konflikt auf der Seite der Serben.

Aber ob der Balkan nach diesem Krieg, wann und wie immer er endet, zu neuer Stabilität findet, wird auch von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängen.Die ethnischen Spannungen der Vergangenheit hatten zumeist auch eine starke soziale Komponente.Schon jetzt ist absehbar, daß der Bombenkrieg nicht nur Jugoslawiens Infrastruktur weitgehend vernichten wird; er wirft auch die Wirtschaftsentwicklung der Nachbarländer weit zurück.Der Flüchtlingsstrom sorgt in Albanien und Mazedonien für zusätzliche Probleme.

Die sich abzeichnende wirtschaftliche Misere könnte neue soziale und ethnische Konflikte auslösen.Die Athener Regierung fordert deshalb von den NATO-Partnern nachdrücklich, schon jetzt einen "Mini-Marshallplan" für den Balkan zu konzipieren - ein Hilfs- und Wiederaufbauprogramm, das die Region ökonomisch und politisch stabilisieren soll.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben