• „Die in Washington haben ja keine Ahnung“ Der Bürgermeister über den Horror in New Orleans

Politik : „Die in Washington haben ja keine Ahnung“ Der Bürgermeister über den Horror in New Orleans

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Bürgermeister Nagin, wie ist die Situation? Die Plünderungen scheinen immer mehr überhand zu nehmen?

Wissen Sie, weshalb die Plünderungen so außer Kontrolle gerieten? Weil wir alle unsere Helfer dazu einsetzten, Leute zu retten. Tausende von Menschen. Leute, die in Dachgeschossen festsaßen, alte Frauen. Wenn man die verfluchten Abdeckungen der Lüftungen wegreißt und sieht, wie die Leute da stehen, das Wasser bis zum Hals... Die Leute in Washington haben ja keine Ahnung, was hier unten los ist. Zwei Tage nach dem Desaster fliegen sie mit TVKameras ein und all diesem Scheißdreck – entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise. Aber mich kotzt das an.

Was brauchen Sie jetzt ganz dringend, um die Situation in den Griff zu kriegen?

Ich brauche Verstärkung. Ich brauche Truppen. Ich brauche 500 Busse, Mann, wir brauchen Schulbusse, wir brauchen Busfahrer. Das ist ein nationales Desaster. Die denken klein, und das ist eine Riesen-, Riesentragödie. Ich habe 15 000 bis 20 000 Menschen drüben im Convention Center, das aus allen Nähten platzt. Die holen Leute per Luft aus den Vororten raus, und wir hier haben nichts.

Glauben Sie, dass der Präsident dies alles sieht und dass ihm die Hände gebunden sind, bevor Gouverneurin Kathleen Blanco ihn offiziell um Hilfe bittet?

Ich weiß nicht, was da los ist. Aber ich kann Ihnen sagen: Gott schaut hinab auf Orleans, und wenn die nicht alles tun, um Leute zu retten, wird er dafür sorgen, dass sie den Preis zahlen. An jedem Tag, den wir verlieren, sterben Menschen. Und es sind Hunderte, die noch ihr Leben verlieren werden, da mach’ ich jede Wette. Mir bricht es das Herz, wenn ich höre: „Ich habe unter dem Dach ausgeharrt, aber ich halte es nicht mehr aus. Das Wasser steht mir bis zum Hals. Ich schaffe es nicht mehr.“ Und das passiert, während wir miteinander sprechen.

Aber ist es nicht so, dass die Bundesebene nicht eingreifen kann, bevor Louisiana um Hilfe bittet? Verlangen Sie Kriegsrecht?

Ich habe vor ein paar Tagen bereits Kriegsrecht für New Orleans verlangt. Die Plünderungen gerieten außer Kontrolle. Polizisten patroullierten, hundemüde von der Aufgabe, Leben zu retten. Im Fernsehen laufen all die Berichte über die Plünderungen. Die zeigen das. Und das geschieht auch wirklich. Aber die Leute haben Hunger. Sie versuchen Nahrungsmittel und Wasser zu finden. Wenigstens die Mehrheit von ihnen. Es gibt auch Kriminelle. Aber das ist eine kleine Minderheit. Und wir haben Drogenabhängige, die auf Entzug sind, die einen Schuss brauchen. Das ist der Grund, weshalb sie in die Krankenhäuser einbrechen und in die Apotheken. Vermutlich fanden sie auch Waffen. Jetzt haben sie hungrige, ausgeflippte Drogensüchtige, die ein Chaos verursachen. Wir haben acht Milliarden freigegeben, um in den Irak zu gehen. Ruckzuck. Nach dem 11. September gaben wir dem Präsidenten eine noch nie gesehene Machtfülle, ruckzuck (schnippt mit den Fingern) um für New York und andere Orte zu sorgen. Und jetzt wollen Sie mir sagen,  dass es uns nicht gelingt, einen Weg zu finden, um die nötigen Resourcen zu bewilligen?

Was können wir tun?

Darüber sprechen. Die Leute animieren, Briefe zu schreiben, an den Präsidenten, an die Gouverneurin. Und die verdammten Büros dazu auffordern, etwas zu tun. Erhebt Eure Ärsche und tut was! Das ist die größte verfluchte Krise in der Geschichte unseres Landes. Menschen sterben, sie haben keine Häuser mehr, keine Jobs. New Orleans wird nie mehr so sein, wie es war. Ich muss gehen. (Er weint.)

Das Interview wurde von CNN gesendet. Übersetzt hat es Markus Wüest.

Ray Nagin (49) ist seit Mai 2002 Bürgermeister von New Orleans. Der Vater von drei Kindern gilt als Kämpfer gegen Korruption – nach seinem Amtsantritt ließ er 84 Mitarbeiter verhaften.

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