Politik : „Die Kirchen sind so verknöchert wie die Gewerkschaften“

Die Grünen-Politikerin Christa Nickels verlangt Reformen – denn das Interesse am Glauben sei nach wie vor groß

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Für die katholische Kirche war das Ergebnis schockierend. Ihr Ansehen bei den Deutschen ist stark gesunken – das ergab eine repräsentative Befragung von 356 000 Bürgern durch die Unternehmensberatungsfirma McKinsey.

Das „Kundenurteil" über die katholische Kirche ist vernichtend. Hat Sie das überrascht?

Keineswegs. Seit zwanzig, dreißig Jahren kämpfen engagierte Christen für Reformen in der Kirche. Strukturell hat sich aber nur wenig verändert. Viele glauben nicht mehr, dass die katholische Kirche noch die Kraft hat, sich den Problemen wirklich zu stellen.

Welche Probleme meinen Sie?

Der geweihte Priester zum Beispiel spielt eine Schlüsselrolle im Kirchenleben. Gleichzeitig führt die feste Koppelung des Priestertums an das Zölibat zu einem dramatischen Priestermangel. Weil die Kirche jedoch diese Aufgaben der Priester nicht engagierten Laien übertragen will, müssen die Bistümer Gemeinden in großem Maßstab zusammenlegen. Die Folge ist, dass das Gemeindeleben leidet und zahlreiche Mitglieder in die innere Emigration gehen.

Was bedeutet das?

Viele Leute sagen sich, ich habe zwanzig Jahre meines Lebens für Reformen gekämpft, ich gebe die Hoffnung auf Veränderungen auf. Das ist für mich nicht Gleichgültigkeit, sondern Realismus im Umgang mit der Hartleibigkeit und Reformunfähigkeit der Amtskirche. Der einzelne Mensch lebt schließlich nicht Jahrhunderte lang – Zeiträume, in denen die katholische Kirche zu denken pflegt.

Die katholische Kirche bildet zusammen mit der evangelischen Kirche und den Gewerkschaften ein auffälliges Negativfeld im Ansehen der Bürger. Was haben sie gemeinsam?

Alle drei Institutionen haben in den letzten 30 Jahren bewiesen, dass sie reformunfähig sind. Sie verfolgen eine strukturkonservative Besitzstandswahrung. Nehmen Sie als Beispiel die aktuelle Reformdebatte zum Sozialstaat. Die Gewerkschaften sehen sie nur an als Angriff auf ihren Besitzstand. Und wenn man sie nach eigenen Antworten fragt, kommen nur die Rezepte von vorgestern. Alle drei Institutionen sind stark verknöchert.

Bedeutet der krasse Vertrauensverlust, dass auch die gesellschaftliche Stellung der katholischen Kirche an Bedeutung verliert?

Das glaube ich nicht. Das Interesse an den Kirchen ist nach wie vor groß. Beispielsweise hat der Papst mit seinen friedenspolitischen Aussagen weltweit und auch in Deutschland eine hohe Zustimmung bekommen. Wie die Zukunft aussieht, hängt aber auch davon ab, wie die Kirche jetzt reagiert. Gemeinden, Caritas und kirchliche Betriebe werden ja deutlich positiver beurteilt als die Amtskirche. Sie alle müssen mehr Freiräume bekommen. Sollte die Kirche sich aber darauf verlegen, nur noch als Kaderschmiede für den heiligen Rest zu agieren, wird ihr Ansehen weiter leiden.

Wie lässt sich das verlorene Vertrauen wiederherstellen?

Die katholische Kirche braucht mehr Transparenz und Offenheit. Sie muss echte Beteiligungsmöglichkeiten für die Laien schaffen. Und sie muss ihr Personal besser fördern und schulen.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

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