Politik : Die Launen der Nation

Von Gerd Appenzeller

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Eines war vor 14 Jahren anders als heute. Damals, an der historischen Wende vom 2. zum 3. Oktober 1990, als Hunderttausende die Einheit Deutschlands feierten, sah man keine Demonstrationen der Unzufriedenheit. Das hat sich geändert. Deutschland ist nicht mehr in Feierlaune. Deutschland steckt in der Krise. Es gibt Proteste gegen Sozialreformen und die Folgen der Globalisierung. Beide haben mit der Wiedervereinigung nichts zu tun, aber viele Menschen glauben, dass Hartz IV und die Konjunkturflaute nicht so schmerzhaft wären, wenn das Land nicht auch noch die vereinigungsbedingten Lasten zu schultern hätte.

Vor 14 Jahren, in der Vereinigungseuphorie, dachte keiner an Krise. Die Westdeutschen nicht, weil sie sich seit Jahren den Warnungen vor einer Überdehnung des Sozialstaats verschlossen. Die Ostdeutschen nicht, weil sie die alte Bundesrepublik für ein Schlaraffenland hielten. Die kurze, aber heftige WiedervereinigungsSonderkonjunktur schien auch alle Skeptiker Lügen zu strafen. Man kann es so erklären: Bis zum 9. November 1989 ging es in der DDR um die Freiheit. Danach dominierte das Thema Gleichheit. Nichts symbolisiert dies stärker als das auf vielen Plakaten in den Wochen zwischen dem 9. November und der Währungsunion im Sommer 1990 zu sehende Motto: Kommt die D-Mark, bleiben wir hier; kommt sie nicht, gehn wir zu ihr.

Die D-Mark kam, aber die Menschen gehen trotzdem. Denn es zeigt sich: Die Krise, die nur zum Teil mit Globalisierung zu tun hat, viel mehr aber mit Überforderung, war schon da. Die Gleichheit aus der Portokasse gibt es nicht. Dass die Überforderung so schnell jene Atem raubende Dimension annahm, die den Menschen heute Angst macht, ist Ausdruck der deutschen Misere. Die anderen Länder, die in den gleichen Monaten, in denen Deutschland wiedervereinigt wurde, ihre Freiheit gewannen, gaben sich nie der Illusion hin, der Weg aus der gelenkten in die freie Wirtschaft könne anders als dornig sein. Hoffnungen, die man nicht hat, können nicht enttäuscht werden. Deshalb geht es heute vielen Polen, Tschechen und Ungarn mental viel besser als den Deutschen, obwohl die früheren DDR-Deutschen in ihrem Lebensstandard schon weit größere Fortschritte gemacht haben als ihre einstigen Comecon-Nachbarn. Der gigantische Geldtranfer vom einen Teil des Landes in den anderen trug selbstverständlich Früchte.

Das Besondere ist, dass bei uns nicht nur die Ostdeutschen, sondern auch die Westdeutschen einen Vereinigungskater haben. Die Stadtkämmerer im Ruhrgebiet zum Beispiel rechnen nach, wie viel besser es ihren Kommunen ohne den nun schon seit 14 Jahren anhaltenden Finanztranfer Richtung Osten ginge. Sie schauen wehmütig auf desolate Schulen und geschlossene Schwimmhallen. Was das alles mit Hartz IV und anderen Reformen zu tun hat? Eine ganze Menge. Denn die Krise wurde durch die Vereinigung nicht ausgelöst, sondern nur verschärft. Unseren Lebensstil hätten wir in jedem Fall ändern müssen. Nur zögerlich wird das ausgesprochen. Am deutlichsten tat das jetzt Bundespräsident Horst Köhler.

Schlaraffenland ist nicht abgebrannt, es hat es nie gegeben. Man hat uns nur die rosaroten Brillen abgesetzt. Und was sehen wir jetzt? Ein Land, in dem es sich noch immer gut leben lässt. Ein vereintes Land. Insgesamt also viel mehr, als man vor 20 Jahren zu träumen gewagt hätte.

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