Die Linke : Direkt gegen Lafontaine

Politiker der Linken kämpfen auch in der Provinz um Erststimmen – die Parteizentrale bleibt reserviert.

Matthias Meisner

Berlin - Den Genossen Klaus Bartl aus Chemnitz hatte 2005 keiner auf der Liste – und doch wäre der Linkspartei-Politiker bei der damaligen Bundestagswahl beinahe zu einem Überraschungssieger geworden. Knapp verfehlte Bartl, vor der Wende Abteilungsleiter Staat und Recht der SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt, den Einzug ins Parlament, nur ein paar hundert Stimmen lag in seinem Wahlkreis die Linke hinter der siegreichen SPD. Der Umkehrschluss ist erlaubt: Hätte die Linkspartei vor vier Jahren offensiv um das Direktmandat gekämpft, hätte es klappen können. Doch das wollte für den als rückwärtsgewandt geltenden Parteifreund keiner tun, und schon gar nicht die Berliner Parteizentrale.

Seit 1990 hat die PDS, die spätere Linke, nur in Ost-Berlin Erfolg gehabt beim Kampf um die Erststimmen, die über die Wahlkreiskandidaten entscheiden.  Mehrfach zogen auf diese Weise Gregor Gysi, Petra Pau und Gesine Lötzsch in den Bundestag ein, nach Prognosen wird das auch 2009 so sein. Alle Versuche, auch außerhalb der Hauptstadt ein Direktmandat zu erringen, schlugen fehl. 2005 hatte sich die Partei in Brandenburg Chancen ausgerechnet für Parteichef Lothar Bisky sowie die frühere „Miss Bundestag“, Dagmar Enkelmann. „Ein Novum und ein beachtlicher Erfolg“ wäre es, würde die Linke erstmals außerhalb von Berlin die Mehrheit der Erststimmen auf sich vereinen, hieß es damals aus dem Karl-Liebknecht-Haus.

Dietmar Bartsch, Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfleiter der Linken, hat vor dem 27. September signalisiert, dass er auf einen Erststimmenwahlkampf außerhalb von Ost-Berlin nicht viel gibt. Das ändert nichts daran, dass sich eine ganze Reihe von Bewerbern Hoffnungen machen. Dagmar Enkelmann, inzwischen Geschäftsführerin der Bundestagsfraktion, versucht es wie 2005 in ihrer Heimatstadt Bernau, „will’s direkt“, wie sie im Internet verbreitet. Warum die Berliner Parteizentrale bei dieser Kampagne nicht mitzieht? „Wir sind ja Provinz“, sagt sie lakonisch.

Von großer Bedeutung sind die Direktwahlkreise für jene, die nicht auf einer Landesliste abgesichert sind. Das betrifft etwa den früheren Europaabgeordneten André Brie, der es im Süden Brandenburgs versucht. Oder auch für den langjährigen thüringischen DGB-Chef Frank Spieth, der in Erfurt antritt. Er hat sich erst gar nicht um einen Listenplatz bemüht und jetzt mit Genugtuung festgestellt, dass die Linke bei der Landtagswahl in der Landeshauptstadt alle Direktmandate gewonnen hat. Das sei für ihn „eine Steilvorlage“, jubelt Spieth. Die Kandidaten in Brandenburg machen sich Hoffnungen, weil die Linke bei der Europawahl im Juni in dem Bundesland noch vor SPD und CDU stärkste Partei geworden ist.

Erfolgreiche Direktkandidaten können die komplizierte Machtarithmetik durcheinander bringen und eigentlich aussichtsreiche Listenkandidaten scheitern lassen. Ein Kuriosum ist im Saarland denkbar: Der kleinste Flächenstaat entsendet bisher zwei Abgeordnete der Linken nach Berlin, den Rentenexperten Volker Schneider und den Energiepolitiker Hans-Kurt Hill. Beide haben keinen Platz auf der Landesliste und treten am 27. September direkt an, Schneider in Saarbrücken, Hill in St. Wendel. Gehen beide Wahlkreise direkt an die Linke, könnte Oskar Lafontaine, Landeslistenplatz eins an der Saar, den Einzug in den Bundestag verfehlen. Das sei unwahrscheinlich, erläutert Schneider, denn sein Mitstreiter Hill habe in einem eher konservativen Landstrich wohl keine Chance gegen SPD und CDU. Sollte der Fall aber doch eintreten, will Schneider seinem Bundesparteichef anbieten, zu dessen Gunsten auf das eigene Bundestagsmandat zu verzichten.

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