Politik : Die neuen Osmanen

Türkei vermittelt zwischen Israel und Syrien – und nutzt Erfahrungen als ehemalige Großmacht

Susanne Güsten[Istanbul]

Dank und Anerkennung von den Konfliktparteien, Lob aus der ganzen Welt: Mit der Vermittlung neuer Friedensgespräche zwischen Israel und Syrien ist der Türkei ein diplomatischer Coup gelungen. Die Initiative ist das Resultat einer neuen türkischen Nahostpolitik, deren Hauptvertreter mitunter die „neuen Osmanen“ genannt werden. Das Osmanische Reich hatte den Nahen Osten über Jahrhunderte beherrscht – jetzt sollen die historischen Verbindungen der modernen Türkei helfen, ihren Anspruch als Regionalmacht zu untermauern. Dabei profitiert die Türkei auch von der Tatsache, dass sie eines von ganz wenigen Ländern ist, die sowohl gute Beziehungen zu Israel als auch zu den Palästinensern und zu „Schurkenstaaten“ wie Syrien unterhalten.

„Wir sind keine Araber, aber wir sind auch nicht so richtig im Westen“, sagt Serhat Erkmen, ein Nahostexperte am Forschungsinstitut ASAM in Ankara. Diese Sonderstellung gibt der Türkei die Möglichkeit, in Konflikten zu vermitteln, die für andere Akteure tabu sind. Über Jahrzehnte hatte die Türkei sich aus dem Nahen Osten fast ganz herausgehalten. Doch seit dem Regierungsantritt der AK-Partei von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vor sechs Jahren hat sich das geändert.

Ahmet Davutoglu, einer der wichtigsten außenpolitischen Berater des Ministerpräsidenten, ist der geistige Vater der „neuen Osmanen“. Davutoglu vertritt die Ansicht, dass die Türkei als Erbin des Osmanischen Reiches vom Balkan bis zum Nahen Osten viel selbstbewusster auftreten sollte. Nicht ein Brückenland zwischen Ost und West sieht Davutoglu in der Türkei, sondern ein eigenes Machtzentrum. Aus diesem Verständnis heraus darf, kann und muss die Türkei im Nahen Osten mehr tun als der Westen.

Politikprofessor Davutoglu mischt den Nahen Osten hin und wieder auf, ohne dem türkischen Außenministerium vorher Bescheid zu sagen. So waren türkische Diplomaten entsetzt, als vor zwei Jahren der Chef der radikalen Palästinensergruppe Hamas, Khaled Maschaal, zu offiziellen Gesprächen in Ankara auftauchte. Davutoglu hatte ihn eingeladen.

Bei aller Sympathie für die palästinensische Sache sorgen die „neuen Osmanen“ aber dafür, dass die strategische Partnerschaft der Türkei mit Israel erhalten bleibt. Die Türkei gehörte zu den ersten Staaten, die Israel nach dessen Gründung 1948 anerkannten. Seit 1996 sind die beiden Länder, die sich als demokratische Vorposten im Nahen Osten betrachten, durch ein Militärabkommen verbunden. Die Kritik einiger islamischer Staaten wie Iran an den engen türkisch-israelischen Beziehungen kann Ankara nicht schrecken: Gerade die Verbindungen zu Israel machen die Position der Türkei einzigartig.

Im Laufe der letzten Jahre ist Ankara so das kleine Kunststück gelungen, die Freundschaft zu Israel zu pflegen und gleichzeitig das Verhältnis zu Syrien und Iran zu verbessern. Selbst in den schwierigen Beziehungen zum Irak gibt es Fortschritte: Anfang des Monats gab es die ersten direkten Gespräche zwischen der türkischen Regierung und Vertretern der kurdischen Autonomiezone im Nordirak – und zwar unter der Leitung von Davutoglu. Der Ansehensverlust der USA in der Region in den vergangenen Jahren hat dem türkischen Engagement zusätzlichen Entfaltungsraum beschert. Weil Washington mit wichtigen Akteuren wie Syrien nicht reden will, ist ein Vakuum entstanden, dass jetzt zum Teil von der Türkei gefüllt wird.

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