Die Neuordnung der Welt 1916-1931 : Explosives Vermächtnis

Mit den USA kam die neue Weltordnung: Adam Tooze beschreibt in seinem neuen Buch das Nachwirken des Ersten Weltkriegs. Eine Rezension

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Weltschiedsrichter. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson 1918 zu Besuch bei Präsident Raymond Poincaré in Paris.
Weltschiedsrichter. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson 1918 zu Besuch bei Präsident Raymond Poincaré in Paris.Foto: Imago

Als nach 1989 die endlich souverän gewordenen Staaten Mittel- und Osteuropas auf den Plan traten, rieben sich historisch beschlagene Beobachter die Augen. Da war doch mit einem Mal die Ordnung zurückgekehrt, die 1919 in Europa mit dem Vertrag von Versailles etabliert worden war. Und aus einer solchen Perspektive muss es erscheinen, als seien die derzeitigen Bemühungen um die Ausbalancierung der wirtschaftlichen Ungleichgewichte innerhalb der EU nichts anderes als der Versuch, diese Ordnung ein weiteres Mal zu stabilisieren.

Das amerikanische Jahrhundert

Davon spricht Adam Tooze in seinem Buch „Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916–1931“ nicht. Aber mit seinem 700-Seiten-Werk stellt er einen solchen historischen Vergleich auf quellengesättigte Füße. Nachdem im vergangenen Jahr des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs gedacht wurde, lenkt Tooze den Blick auf die Entwicklungen, sie sich aus diesem Krieg ergaben, und zwar nicht erst an dessen Ende, sondern bereits mittendrin. Die Zentralfigur dabei ist der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, der in seiner zweiten Amtszeit ab Januar 1917 den Kurs Europas zu beeinflussen begann – und schließlich bestimmte.

Das ist eine aus britischer Perspektive immer noch unangenehme Sicht, durfte sich das Vereinigte Königreich doch nicht nur zu den Siegern des Weltkriegs zählen, sondern mit sogar gewachsener Macht – denkt man etwa an das Kolonialreich – aus ihm hervorgegangen. Der 1967 geborene Tooze, der mittlerweile in Yale moderne deutsche Geschichte lehrt, verbindet jedoch die politische Ereignisgeschichte mit der Wirtschaftsgeschichte und kommt zu einem anderen Ergebnis. „Die britischen Regierungen der 1920er Jahre mussten sich immer wieder mit der schmerzlichen Tatsache auseinandersetzen, dass die Vereinigten Staaten eine Macht ganz neuen Ausmaßes waren“, schreibt Tooze. „Sie hatten sich auf einmal als ein neuartiger ,Überstaat‘ entpuppt, der ein Vetorecht über die finanziellen und sicherheitspolitischen Interessen der anderen Mächte ausübte.“ Bereits in seinem Buch „Ökonomie der Zerstörung“ trat Tooze als Kenner der deutschen Wirtschaftsgeschichte im Nationalsozialismus hervor, der eben diesen Zusammenhang von Politik und Wirtschaft darzustellen vermag. In seinem neuen Buch dreht sich alles um die USA und das „amerikanische Jahrhundert“: „Das Entstehen dieser neuen Weltordnung nachzuzeichnen, ist das zentrale Anliegen dieses Buches“, schreibt Tooze.

Adam Tooze: Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916– 1931. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz und Thomas Pfeiffer. Siedler Verlag, München 2015. 720 Seiten, 34,99 Euro.
Adam Tooze: Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916– 1931. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz und Thomas Pfeiffer. Siedler...Foto: Siedler Verlag

Und diese neue Weltordnung mit den USA an der Spitze begann sich bereits inmitten des Krieges herauszubilden. Noch vor dem Kriegseintritt seines Landes stellte Wilson den Anspruch, als Weltschiedsrichter aufzutreten. Mit der Institution des Völkerbunds wurde nach dem Krieg der Rahmen geschaffen, in dem Konflikte eingehegt werden sollten; dies auch, obgleich der amerikanische Kongress den Beitritt verweigerte. Durch ihre ökonomische Potenz waren die USA jedoch immerzu präsent, nachdem sie während des Krieges zum größten Gläubigerland der Welt geworden waren, das anderen, auch dem stolzen Britischen Empire, Bedingungen diktieren konnte.

Toozes Kritik an Keynes

Der Versailler Vertrag findet bei Tooze jenseits der ansonsten von Historikern immer wieder erörterten Kriegsschuldfrage des Artikels 231 eine ökonomische Analyse, wie sie so umfassend wohl seit Keynes nicht mehr vorgenommen worden ist. John Maynard Keynes hatte 1920 in seiner Streitschrift „The Economic Consequences of the Peace“ das halsstarrige Vorgehen Frankreichs mit dem Ziel der Erniedrigung Deutschlands für einen seiner Ansicht nach kommenden Krieg zwischen reaktionären und revolutionären Kräften verantwortlich gemacht; eine Vorhersage, die knapp 20 Jahre später auf furchtbare Weise eintraf. Was Tooze an Keynes jedoch bemängelt, ist die Ausklammerung der USA, die doch als einziger Staat die Macht hatten, eine finanzielle Neuordnung Europas zu bewirken: Keynes’ Forderung nach Verzicht auf deutsche Reparationen, um die deutsche Wirtschaft und mit ihr den Welthandel wieder in Gang zu bringen, hätte eingebettet werden müssen in ein System von Forderungsverzichten, insbesondere auf die interalliierten Schulden.

Davon wollten jedoch die Sieger nichts wissen, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Tooze’ Sicht ist auf die USA gerichtet, wo der Präsident „die wilsonsche Lehre in Reinform“ umsetzte: „kein Isolationismus“, sondern „eine Ablehnung jeglicher Verstrickung mit Europa im Interesse einer weltweiten Führungsrolle der Vereinigten Staaten“. Doch Wilson scheiterte am Kongress und bei den Wahlen von 1920. Dass Wilson „mit der Unterstützung der Wähler rechnete,“ meint Tooze, „zeigt ein weit grundsätzlicheres Versäumnis, nämlich das explosive soziale und wirtschaftliche Vermächtnis zu erkennen, das der Krieg hinterlassen hatte“.

Die Franzosen wollten die Landkarte Europas verändern

Wie explosiv diese Hinterlassenschaft war, zeigte sich im besiegten Deutschland an der Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Truppen 1923 und der gleichzeitigen Hyperinflation. Der englische Historiker Frederick Taylor hat dazu 2013 das höchst lesenswerte Buch „Inflation“ (Siedler) veröffentlicht, das die „Geburt eines deutschen Traumas“ nachzeichnet. Tatsächlich gab es mehrere Traumata; denn zur Ruhrbesetzung gesellten sich die – kläglich gescheiterten – kommunistischen Aufstände in Hamburg und Sachsen sowie der Hitlerputsch an der Münchner Feldherrenhalle. In Frankreich, dem Gewinner des Jahres 1923, wurden Pläne zur Aufteilung des Deutschen Reiches erwogen. Der französischen Politik – und das ist in der deutschen Wahrnehmung der Weimarer Epoche kaum präsent – bot sich „die Chance, eine radikal neue Landkarte Europas zu zeichnen, einen zweiten Westfälischen Frieden, der wie schon 1648 die Sicherheit Europas auf der Zerschlagung Deutschlands gründen würde“.

Das war der Punkt, an dem sich die angloamerikanischen Mächte erneut in Kontinentaleuropa einschalteten, die USA eher widerwillig. Doch auch in Großbritannien hatte sich der Wind mit dem Sieg der Labour-Partei 1923 gedreht. Der Eintritt in den Ersten Weltkrieg wurde nun als Fehler und Ursache der nachfolgenden Übel betrachtet. Erst auf Vermittlung amerikanischer Unterhändler kam die erste sinnvolle Streckung der Reparationsleistungen zustande, die den Wiederaufstieg der Wirtschaft ermöglichte.

Denn länger dauerte die fragile Prosperität nicht. Es sind vergleichsweise kleine Ursachen, die eine enorme Dynamik entfalten, wie der Plan einer deutsch-österreichischen Zollunion. Tooze schildert die folgenden, wie ein Räderwerk ineinandergreifenden Katastrophen, insbesondere an den internationalen Devisenmärkten. Die Ankündigung des neu gewählten amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, sich an keinen Maßnahmen zur Stabilisierung der Währungsparitäten zu beteiligen, gab der ebenfalls neuen deutschen Regierung unter Adolf Hitler die Gelegenheit, komplett aus den internationalen Verpflichtungen auszuscheiden. Frankreich und Großbritannien folgten insofern, als sie ihrerseits die Schulden bei den USA nicht mehr bedienten. Die Finanzordnung der Jahre seit 1919 war zusammengebrochen.

Und das ist der Bruch, den Tooze mit seiner Periodisierung „1916–1931“ hervorhebt: „Allzu oft und allzu leichtfertig schreiben wir über die Zwischenkriegszeit, als habe es eine nahtlose Kontinuität zwischen der Phase … 1916 bis 1931, und dem gegeben, was in den 1930er Jahren folgte … Nicht nur Stalin, auch die japanischen, deutschen und italienischen Rebellen gegen die internationale Ordnung wurden in ihrer Wut noch verstärkt durch das Gefühl, in ihrem ersten Versuch gescheitert zu sein.“ Mit dem Ergebnis: „In den dreißiger Jahren, als sie zum Großangriff auf den Status quo bliesen, streiften der Stalinismus, der Nationalsozialismus und der japanische Imperialismus noch die letzten Hemmungen ab. Der neue Imperialismus war ebenso beispiel- wie grenzenlos in seiner Aggression sowohl gegen die eigene Bevölkerung als auch gegen die anderer Länder.“ Und Italien überfiel bereits 1935 Abessinien. Nach Tooze’ Buch leuchtet es ein, die „Zwischenkriegszeit“ in zwei fundamental verschiedene Perioden aufzuteilen – eine erste, die im Zeichen der mühsamen internationalen Verständigung stand, und eine zweite, die das Erreichte bewusst zerstörte. Die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs kam, weil die des Ersten nie vollständig verarbeitet worden war.


Adam Tooze: Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916– 1931. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz und Thomas Pfeiffer. Siedler Verlag, München 2015. 720 Seiten, 34,99 Euro.

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