Politik : Die Opfer der Mauer

Neue Zahlen der Arbeitsgemeinschaft 13. August: An den Grenzen starben mehr als 1000 Menschen

Andreas Conrad

Die exakte Zahl der Mauertoten wird man wohl nie erfahren. Sie ist auch abhängig vom Maßstab, den der Zählende anlegt, von Informationslücken oder Irrtümern. So muss man auch die aktualisierte Totenliste, die Alexandra Hildebrandt von der Arbeitsgemeinschaft 13. August am Dienstag im Haus am Checkpoint Charlie in Berlin vorlegte, mehr als „work in progress“ begreifen. Fest steht immerhin: Es waren mehr Tote als vermutet. 985 Opfer wurden noch vor Jahresfrist genannt, diesmal sind es 1008 – in der Zeit vom Beginn der Teilung 1946 bis ins Jahr des Mauerfalls 1989. Seit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 seien 645 Menschen Opfer des Grenzregimes der DDR geworden.

Dazu werden nicht nur die Grenztoten im engeren Sinne gerechnet, also Personen, die bei Fluchtversuchen in Berlin und an der innerdeutschen Grenze ums Leben kamen. In die Gesamtzahl fließen etwa auch Schusswaffenunfälle und Selbstmorde unter DDR- Grenzern oder tödliche Herzattacken bei Grenzkontrollen ein. Auch gescheiterte Fluchtversuche über die Ostsee sowie Personen, die an den Westgrenzen von Polen und der CSSR zu Tode kamen, werden hinzugerechnet. Sogar die an Bulgariens Grenze zu Griechenland oder an Ungarns Westgrenze getöteten Ostdeutschen werden auf die Liste „Todesopfer des DDR-Grenzregimes“ gesetzt. Außerdem wurden Fälle aufgenommen, in denen Flüchtlinge später von Agenten liquidiert worden seien. Ebenso seien Soldaten oder Stasi-Mitarbeiter aufgenommen worden, die nach missglückter Flucht hingerichtet worden seien.

Doch nicht nur die Gesamtzahl der Toten schwankt je nach Erkenntnislage. Auch bei der Betrachtung einzelner Orte gibt es unterschiedliche Daten. So sank die Zahl der Berliner Toten um fünf Personen auf 215 – davon 178 nach dem 13. August 1961, der Rest davor. Teilweise habe man sich korrigieren müssen, beispielsweise wenn sich ein vermeintliches Grenzvorkommnis nachträglich als Autounfall erwiesen habe, sagte Alexandra Hildebrandt.

Der letzte Tote des DDR-Grenzregimes ist für die Arbeitsgemeinschaft nicht der letzte Tote an der Mauer, also nicht Chris Gueffroy, der am 5. Februar 1989 in Berlin erschossen wurde. Der Letzte sei vielmehr Dietmar Pommer gewesen. Am 30. Oktober 1989 wurde er von polnischen Behörden tot aus der Oder geborgen.

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