Die politische Krise in der Demokratischen Republik Kongo : Gesicht des Wandels

Rebecca Kabugho kämpft in der Jugendbewegung für Demokratie im Kongo.

Judith Raupp
Rebecca Kabugho kämpft in der ostkongolesischen Großstadt Goma um demokratische Reformen.
Rebecca Kabugho kämpft in der ostkongolesischen Großstadt Goma um demokratische Reformen.Foto: Judith Raupp

Der Anruf kommt immer in der Nacht. „Hör’ auf – oder verlasse das Land. Sonst garantieren wir für nichts“, droht die Stimme. Doch Rebecca Kabugho macht weiter. Die Psychologiestudentin sitzt auf einer wackligen Bank vor der Universität. Sie lächelt. „Es kann doch nicht falsch sein, Wasser und Strom für die Bevölkerung zu fordern“, sagt sie. Seit drei Jahren gehört Kabugho der Jugendbewegung „Kampf für den Wandel“ an. Die Aktivisten wollen ein Leben ohne Willkür und Korruption, Arbeit, Essen und ein würdiges Zuhause.
Vor allem aber wollten sie, dass Staatspräsident Josef Kabila am 19. Dezember zum Ende seiner offiziellen Amtszeit abtritt. Dann ist seine Amtszeit zu Ende. Eigentlich hätten die Kongolesen längst wählen sollen. Aber die Abstimmung ist bis auf weiteres verschoben. Der Ärger darüber, dass noch immer kein Wahltermin steht, treibt Kabugho und andere Demonstranten immer wieder auf die Straße. Oft sterben Menschen, weil Polizisten scharf schießen und Kriminelle die Gunst der Stunde nutzen, um alte Rechnungen zu begleichen. Kabugho lebt mit den Drohungen, so gut es geht: „Ich fürchte mich. Aber ich will auch ein besseres Leben.“

Im Ostkongo hat die Gewalt nie aufgehört

Die 23-Jährige ist mit Gewalt aufgewachsen. Seit sie denken kann, töten und vergewaltigen Milizen in ihrer Heimat, im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Selbst die weltweit größte Friedenstruppe der Vereinten Nationen, Monusco, kann die Bevölkerung nicht beschützen. Aber das Land verlassen? „Niemals“, sagt Kabugho. Sie streitet mit einem Kommilitonen. Er würde sofort nach Europa abhauen, wenn er könnte. Lieber einer von Hunderttausenden Flüchtlingen sein, als im Kongo krepieren. Kabugho braust auf: „Wie ist Europa reich geworden? Die haben gekämpft. Unser Europa ist hier. Wir müssen es nur aufbauen.“ Kabugho spricht von Bodenschätzen, von den Berggorillas und dem Kivusee: „Wir könnten alles haben, Tourismus, Wohlstand, Frieden.“
Wie schwer das ist, hat Kabugho in einer Nacht im Februar gemerkt: Die kongolesische Fußballnationalmannschaft hatte gerade die Afrikameisterschaft geholt. Die Studentin und ihre Freunde schreiben auf ein Transparent: „Wir haben den Pokal gewonnen, wir werden auch die Demokratie gewinnen“. Eine Anspielung auf die Präsidentenwahl. Die Farbe auf dem Transparent ist noch feucht, als Polizisten die Wohnung stürmen. Sie verhaften Kabugho und ihre fünf Freunde. Später, im Gerichtsaal, reichen die Holzbänke nicht. Freunde, Familie, Diplomaten drängeln Schulter an Schulter. Die Luft steht. Die Richter lassen auf sich warten, eine gefühlte Ewigkeit.
Kabugho sitzt im blauen Gefangenen- Overall in der ersten Reihe. Sie wirkt nach innen gekehrt. Das Urteil geht an ihr vorbei. Die Richter sehen in dem Transparent eine Aufstachelung zur Revolte. Sechs Monate ohne Bewährung.

Im Gefängnis für ein Transparent

Im Gefängnis liest die junge Frau die Bibel. Sie ist meist allein. Ihre Freunde sitzen im Männertrakt ein. Einer ist Elektriker. Er repariert die Leitungen. So haben die Männer Licht, wenn der Strom gerade mal fließt. Kabugho fragt, ob er die Leitungen bei den Frauen ebenfalls herrichten dürfe. Sie bekommt nie eine Antwort. Die Studentin schläft neben Betrügerinnen und Mörderinnen. Es geht rau zu. Manchmal hat sie Angst. Wenn Besucher kommen, lacht sie die schwachen Momente weg: „Man muss seine Lage akzeptieren.“ Frei reden kann sie nicht. Diplomaten und Journalisten darf sie nur im Büro des Gefängnisleiters treffen. Sein Stellvertreter lauscht dem Gespräch.

Vor Gericht und im Gefängnis musste Kabugho die blau-gelbe Gefängnisuniform tragen.
Vor Gericht und im Gefängnis musste Kabugho die blau-gelbe Gefängnisuniform tragen.Foto: promo

Fast jeden Tag bringen Freunde Essen oder Medizin ins Gefängnis – und Zuversicht. Reden über eine gerechte Welt macht Kabugho Mut. Kabugho fühlt sich aufgehoben im Schoß der Jugendbewegung. Sie gewinnt eine neue Familie, während das Nest aus Kindertagen bröckelt. Die Mutter versteht, dass junge Menschen im Kongo eine Zukunft wollen. Aber muss ausgerechnet die eigene Tochter dafür ihr Leben riskieren? Sollen das doch andere tun.Kabughos neue Familie will alles anders machen als die Generation der Eltern. Keiner soll als Chef kommandieren, niemand soll für Geld die Ideale verraten, und sei er noch so arm. Sie wollen sich vertrauen in einer Welt, wo das Vertrauen in die Menschheit schon lange verloren ging. Zu den eingeschworenen Freunden in Goma stoßen 1000 Aktivisten in anderen Städten und zahllose Sympathisanten.

Mischen sich Spitzel unter die Neuen? Wie soll die Bewegung mit einer Stimme sprechen, wenn niemand führt? Wer entscheidet, mit wem der „Kampf für den Wandel“ kooperiert, von wem Spenden willkommen sind? Darüber tobt nun Streit unter den Aktivisten. In einem aber sind sie sich einig. Sie lehnen Gewalt mit Waffen ab. Sie verehren Nelson Mandela und Mahatma Gandhi. Amnesty International hat die Aktivisten unlängst für ihr friedliches Engagement ausgezeichnet.

Auch Wärter sind nur Menschen

Kabugho gewinnt im Gefängnis mit ihrer Höflichkeit viele Herzen. Sogar Mörderinnen vertrauen sich ihr an. Die angehende Psychologin spürt die verletzten Seelen, als Frauen erzählen, weshalb sie ihre Männer erstachen. Zuvor wurden sie geschlagen und missbraucht. Auch die Wärter sind für Kabugho in erster Linie Menschen. Sind sie doch auch Väter von Kindern ohne Perspektive. Jetzt, wo die Aktivistin wieder frei ist, geht sie mit manchen Wächtern einen trinken. „Wir wollen eine faire Chance“, beschreibt sie das Ziel der Jugendbewegung. Die Männer verstehen. Sie hören ihr zu, obwohl sie eine Frau ist. Eine Frau, die Hosen trägt und ihre Meinung sagt, das sind im Kongo noch nicht alle gewöhnt.
Vor Kurzem als Kabugho an der Mauer entlang zum Gefängnis lief, hat ein Aufpasser sie in den Arm genommen und gefragt: „Rebecca, alles o.k.?“ Aber o.k. ist nichts. Nach Demonstrationen muss sie oft Mitstreiter im Gefängnis besuchen. Und vielleicht landet sie am 19. Dezember oder 20. Dezember selbst wieder dort. Aufgeben wird sie aber nicht. "Vielleicht ernte ich nie die Früchte, vielleicht werde ich getötet", sagt sie. "Aber irgendwann wird mein Volk in Freiheit leben, und sei es in 50 oder 100 Jahren".

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