• Die Reformbewegung im Iran ist nicht mehr aufzuhalten - Protagonisten sind ehemalige Islamisten

Politik : Die Reformbewegung im Iran ist nicht mehr aufzuhalten - Protagonisten sind ehemalige Islamisten

Katajun Amirpur

Sie sind die Kinder der Revolution, und sie wollen die Islamische Republik reformieren. Und er ist ihr Philosoph. Seit Jahren versucht Abdolkarim Sorush in seinen Schriften nachzuweisen, dass Islam und Demokratie einander nicht ausschließen müssen. Eine Regierung könne sowohl religiös als auch demokratisch sein. Dabei war Abdolkarim Sorush der Islamischen Republik gegenüber nicht immer so kritisch wie heute. Begonnen hat er seine Karriere als der Vorzeige-Islamist der Mullahs. Sorush hat im Ausland studiert, spricht verschiedene Fremdsprachen, auf internationalen Kongressen konnte er der Ideologie der Islamischen Republik philosophischen Tiefgang verleihen.

Inzwischen ist Sorush der Ideologe der Reformen. Und er ist zudem der Archetyp der heutigen islamischen Reformer, denn er symbolisiert wie kein anderer eine Entwicklung, die viele durchgemacht haben. Begonnen hat Sorush als Islamist. Inzwischen will er, nach den Erfahrungen des real existierenden Islamismus, eine Islamische Republik mit demokratischem Gesicht. Wie ihn gibt es viele im nachrevolutionären Iran.

Einer von ihnen ist Abbas Abdi. Er war 1979 bei der Besetzung der US-Botschaft einer der Studentenführer. Inzwischen zeigt sich Abdi versöhnlich. Im vergangenen Jahr traf er sich in Paris mit einer ehemaligen Geisel und schüttelte ihr vor laufender Kamera die Hand zur Versöhnung. Abdi war bis vor kurzem Chefredakteur der Zeitung "Salam". Deren Verbot im Juli letzten Jahres war ausschlaggebend für die größten Studentenunruhen seit der Revolution. Abdis jüngste Glanzleistung ist die Demontage Rafsandschanis. Der ehemalige Staatspräsident hatte auf Drängen der Konservativen kandidiert, die in ihm ihre letzte Chance sahen. Als die Kandidatur Rafsandschanis bekannt wurde, war Abdi einer der ersten, der offen sagte, so gut könne die Amtsführung Rafsandschanis wohl nicht gewesen sein, habe am Ende seiner achtjährigen Präsidentschaft das ganze Land doch einen grundlegenden Politikwechsel gewollt.

Lauter noch als Abdi zeterte Akbar Gandschi. In einem Aufsatz, der großes Aufsehen erregte, resümierte Gandschi die politische Laufbahn des vormaligen Staatspräsidenten und kam zu einem vernichtenden Urteil. Gandschi fordert nun, man solle Rafsandschani für die insgesamt achtzig Morde an Dissidenten und Schriftstellern zur Rechenschaft ziehen, die der Geheimdienst während seiner Präsidentschaft begangen habe. Das hat in Iran bislang öffentlich noch niemand gewagt. Wenn Journalisten über die Verbrechen des Geheimdienstes schrieben, wiesen sie zwar darauf hin, dass "höchste Autoritäten" darin verwickelt seien, führten aber allenfalls den ehemaligen Geheimdienstminister Ali Fallahian an. Gandschi wirft dem ehemaligen Präsidenten zwar nicht vor, alle Verbrechen persönlich angeordnet zu haben. Er hält es aber für undenkbar, dass dieser nicht von ihnen gewusst habe. Gandschi und Abdi haben es durch ihre Artikel geschafft, dass Rafsandschani, von dem alle dachten, er würde auf Platz eins in Teheran landen, nun die wenigsten Stimmen auf sich vereinen konnte.

Gandschi, der Schüler Sorushs, hat eine ähnlich bewegte Vergangenheit wie sein Meister. Der Soziologe zählt inzwischen zu den herausragenden Köpfen der Reformbewegung, doch begonnen hat er als der Fahrer von Ayatollah Khomeyni. In den 90ern war Gandschi einer der führenden Autoren von "Kiyan", einer Zeitschrift, die als das Forum der religiösen Reformer gilt. Zwar gibt es heute eine aufsehenerregende Zeitungslandschaft im Iran, aber dies ist eine sehr neue Entwicklung. Lange wurde nur in "Kiyan" weitreichende Kritik am System geübt. Die dort geführten Debatten über Moderne und Islam haben den Weg geebnet für die Reformbewegung, die sich nun Bahn bricht.

Nach dem Amtsantritt Chatamis verließ Gandschi die Zeitschrift "Kiyan" und gründete eine eigene Zeitung. Ihr Name - "Der neue Weg" - war Programm. In dieser Zeitschrift schrieben die bekanntesten Intellektuellen über die Probleme eines Landes, das modern sein möchte, aber dennoch seine islamischen Wurzeln nicht ausreißen will. Die Autoren forderten - mehr oder weniger offen - die Trennung von Religion und Politik. Ihre Motive unterscheiden sich dabei grundlegend von denen der säkularen Intellektuellen Irans, was zur Folge hat, dass sie ein breiteres Publikum ansprechen können. Die religiösen Reformer, auch religiöse Aufklärer genannt, meinen, man müsse Religion und Politik vor allem aus einem Grund trennen: Um das Ansehen der Religion zu retten. Zu viel Unheil sei im Namen der Religion geschehen, sie werde inzwischen mit Korruption, Lüge, Unterdrückung identifiziert.

Auch Staatspräsident Chatmi, der im Mai 1997 gegen den erklärten Willen des religiösen Establishments von 70 Prozent der Bevölkerung gewählt worden war, gehört zu diesen religiösen Aufklärern. Ihn einen Schüler von Sorush zu nennen wäre übertrieben. Aber ihre Ideen weisen beeindruckende Übereinstimmungen auf. Auch über einen weiteres Argument für die Trennung von Religion und Politik sind sich die Aufklärer einig. "Die Islamische Revolution hat das Land an den Rand des finanziellen Bankrotts getrieben; deshalb muss sich etwas ändern im Lande der Gottesherrschaft", schreibt einer von ihnen. Für religiöse Intellektuelle wie Sorush hat aber selbst die wirtschaftliche Reform ein religiöses Ziel, denn "ein hungriger Magen kennt keine Religion." Die religiösen Reformer akzeptieren deshalb auch ein demokratisches System. Laut Sorush muss sich eine religiöse Regierung formal nicht von einer demokratischen unterscheiden: "Es ist ja nicht so, als würden die religiösen Menschen auf dem Kopfe laufen und die anderen auf den Füßen."

Nirgendwo in der islamischen Welt wird heute so viel über Demokratie und Islam gestritten wie im Iran. Allerdings musste sich auch nur der Iran mit einem Islam auseinander setzen, der regieren wollte. Deshalb sind die Augen der restlichen islamischen Welt nach Teheran gerichtet. Die meisten islamischen Staaten sind mit einer starken islamistischen Bewegung konfrontiert; ihre Anhänger meinen - so wie einst Sorush - , man müsse nur ein islamisches System errichten und alle Probleme würden sich von selbst lösen. Dass dies nicht geschieht, hat sich in der Islamischen Republik gezeigt. Sie scheint nun aber ebenso einen Weg aufzuzeigen, der sowohl demokratisch ist als auch islamisch. Ob dieser Weg auch in der Realität gangbar ist, müssen die Praktiker unter den Schülern Sorushs beweisen.

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