Politik : Die Schlachten der Schwachen

Elke Windisch

Vom Datum abgesehen, gleichen sich die offiziellen Meldungen aus Tschetschenien seit Monaten: Überfälle der Freischärler auf russische Militärkolonnen mit mehreren Toten, nächtlicher Schusswechsel oder Positionsgefechte mit "Banden", die mehr oder minder schnell "liquidiert" werden. Kritische Journalisten, die die Zahlen akribisch addierten, kamen zu dem Schluss, dass Tschetschenien längst entvölkert sein müsste, würden die Erfolgsmeldungen stimmen. Trotz verzweifelter Versuche kremlnaher Propagandisten, Wunschdenken und Realität in Übereinstimmung zu bringen, ist es Moskau nach insgesamt 26 Kriegsmonaten bisher nicht einmal in Ansätzen gelungen, die verfassungsmäßige Ordnung in der Rebellenrepublik wiederherzustellen.

Dass der militärische Teil der Operation schon im letzten Frühjahr theoretisch für beendet erklärt wurde, will in der Praxis wenig besagen: Anfang Januar waren die angeblich demoralisierten und in den letzten Zügen liegenden tschetschenischen Guerilleros kurz davor, den Russen Argun, immerhin die drittgrößte Stadt der Republik, wieder abzunehmen. Eine Operation, die ohne Unterstützung der Bevölkerung unmöglich gewesen wäre. Die Einwohner durften denn auch, wie Augenzeugen gegenüber dem russischen Dienst des US-Auslandssenders Radio Liberty berichteten, ihre Häuser tagelang nicht verlassen. Und nachdem die Kämpfer am 8. Januar den geordneten Rückzug in kleinen Gruppen einleiteten, begannen die berühmt-berüchtigten Säuberungen - willkürliche Repressionen gegen die Zivilbevölkerung, die die Verantwortlichen trotz dürftiger Beweislage den Vorgesetzten als reale Erfolge im Kampf gegen den Terrorismus verkaufen.

So mussten in Argun rund 30 Männer bei Frost um minus 20 Grad, nur mit Hemd und Hose bekleidet, eine ganze Nacht im Freien verbringen. Sogar der von Moskau eingesetzte tschetschenische Oberstaatsanwalt Wsewolod Tschernow sah sich da gezwungen, "gewisse Unebenheiten" einzuräumen. Experten hatten unmittelbar nach Beginn des Krieges Zweifel angemeldet, ob er zu gewinnen sei. Zu Recht: Die Armee ist auf Abwehr eines externen Aggressors getrimmt, die Truppen des Innenministeriums auf die Niederschlagung ethnischer und anderer Unruhen. Auch dies Konflikte mit einigermaßen klarem Verlauf der Fronten. In Tschetschenien verlaufen sie inzwischen überall und nirgends. Dabei war die Mehrheit der Tschetschenen, beim Kriegsbeginn im Oktober 1999 durchaus bereit, Moskau eine Chance zu geben: In der seit Herbst 1991 de facto unabhängigen Republik hatten Massenelend und Gesetzlosigkeit nach anfänglicher Euphorie einer allgemeinen Ernüchterung Platz gemacht.

Doch Soldatenkaiser Putin vergeigte den Vertrauensvorschuss. Nach Massakern an der Zivilbevölkerung und Plünderungen kippte die Stimmung schon bald um. Zumal einschlägige Untersuchungen trotz eindeutiger Beweislage niedergeschlagen wurden oder im Sande verliefen. Bisher kam nur eine Handvoll Kriegsverbrecher vor Gericht und mit geringfügigen Strafen davon. Unter dem Druck der Bevölkerung vereinbarten daher inzwischen sogar pro-russische Verwaltungschefs mit den Separatisten heimlich gegenseitige Duldung.

Hinzu kommt wachsender Unmut über ausbleibende Erfolge beim Wiederaufbau der Republik. Zwar sind die Separatisten mittelfristig zu schwach, um das Kriegsglück zu wenden. Um die Russen beständig auf Trab zu halten und gelegentlich empfindlich zu treffen, reichen ihre Kräfte allemal. Unabhängige Experten vermuten daher, Moskau könnte, noch bevor die Bäume grün werden und die Kämpfer sich wieder in die Bergwälder zurückziehen, erneut den Befreiungsschlag versuchen. Einzige Alternative dazu wären Verhandlungen mit Tschetschenenpräsident Maschadow. Doch die ließ Moskau schon bei der Vorrunde im November platzen. Internationaler Protest hielt sich in Grenzen, zunehmend fährt der Westen auf Putins Bemühungen ab, den Krieg im Kaukasus als russischen Beitrag zum Kampf gegen den Terrorismus zu verkaufen. Nachdem die Türkei Bereitschaft signalisierte, Mowladi Udugow, den einstigen Chefideologen der tschetschenischen Unabhängigkeit auszuliefern, glauben selbst unverbesserliche Optimisten nicht mehr an eine Fortsetzung der Friedensverhandlungen.

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