Politik : Die Sieger sahen gerne weg

Otto Diederichs

Im Mai 1946 wurden Kurt Schumacher aus Sicherheitsgründen fünf Polizisten an die Seite gestellt, deren Gespräche den SPD-Parteivorsitzenden zunehmend entsetzten. Am nächsten Tag ließ Schumacher seine Bewacher überprüfen: Vier waren ehemalige SS-Angehörige, zwei von ihnen sogar so belastet, dass sie eigentlich unter die automatischen Arrestkategorien der Alliierten gefallen wären. Die unappetitliche Anekdote aus dem Buch "Nachkriegspolizei" von Gerhard Fürmetz ist symptomatisch für den Zustand und die Zusammensetzung der deutschen Nachkriegspolizei.

Dass die von den Siegermächten angestrebte vollständige Entnazifizierung hier kaum funktionierte hat mehrere Gründe. Einmal ist da die fortdauernde Kumpanei unter den früheren Angehörigen von SS, SD, Gestapo und Nazi-Polizei. Besonders in Schleswig-Holstein gelang es, mit Hilfe einstiger Kollegen in den Reihen der sich auflösenden Wehrmacht unterzutauchen. Nach Unterlagen des Landesarchivs Schleswig-Holstein wurden allein in der ersten Maiwoche 1945 etwa 2000 bis 3000 Kennkarten gefälscht. Begünstigt wurde die Rückkehr ehemaliger NS-Schergen in die Polizei durch ein zunehmendes Desinteresse der Sicherheitsbehörden der westlichen Siegermächte, wirklich durchgreifend deren Reihen zu "säubern". Insbesondere die britischen Offiziere hatten häufig mehr Interesse daran, möglichst rasch eine funktionsfähige deutsche Polizei zu erhalten, die ihnen bei Plünderungen, Schwarzhandel, Prostitution und anderen typischen Nachkriegsdelikten die Arbeit abnahm.

Völlig anders ging zunächst die Sowjetunion vor. Sie begann bereits unmittelbar im Mai 1945 mit der Säuberung der bestehenden Polizei, teilweise bis zu deren völligen Auflösung. Dadurch entstand jedoch schnell das Problem, dass die neu angeworbenen Polizisten beruflich völlig unerfahren waren. So gelang es Angehörigen der alten Nazi-Polizei auch in der späteren DDR wieder in den Reihen der neuen Sicherheitsbehörden Fuß zu fassen.

Eine Männerdomäne

Interessantes erfährt man auch über Frauen im Polizeidienst. Auch hier zeigen sich deutsch-deutsche Parallelen. Schon aus Mangel an genügend geeigneten männlichen Bewerbern öffneten die Besatzungsbehörden die Polizei auch für Frauen. Gern gesehen waren diese in der Männerdomäne jedoch weder in West noch in Ost. So heißt es etwa in der Stellungnahme eines "Verbindungsmannes" zur (West-)Berliner Polizei vom Dezember 1945: "Sie wissen, dass Frauen erstmalig unberechenbar sind, nur wenige, die man gebrauchen kann. Das lohnt der vielen Arbeit nicht."

Während auf Westseite damit offen chauvinistisch argumentiert wurde, griffen die Kollegen der Ostseite drei Jahre später zu offenkundig vorgeschobenen ideologischen Begründungen und erklärten, es sei "besonders schwierig, die weiblichen Angestellten auch weltanschaulich zu schulen. Nach den bisherigen Erfahrungen legen die meisten in politischen Dingen eine gewisse Naivität und Uninteressiertheit an den Tag". Lange währte das Intermezzo von Frauen in der Polizei dann in der Nachkriegszeit auch nicht. Erst seit Ende der siebziger Jahre hat sich die deutsche Polizei, wiederum nach erheblichen Widerständen, vollständig für Frauen geöffnet.

Insgesamt ein sehr interessantes Buch. Ärgerlicherweise fehlt im Anhang jedoch ein Personenregister. Das macht das Wiederauffinden der Akteure und ihrer beruflichen Kontinuität unnötig schwer.

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