Politik : Die Situation der Kinder ist seit dem Mauerfall schlechter

Katja Winckler

Der Ort war geschickt gewählt. Anlässlich des Mauerfalls und unweit vom Brandenburger Tor, wo am 9. November 1989 die Volksmassen feucht-fröhlich den Fall der Mauer gefeiert hatten, stellte das UN-Kinderhilfswerk Unicef mit Unterstützung von Ex-Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher seine englischsprachige Studie "After the Fall" vor. Diese untersuchte die Situation der Kinder in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion während der letzten zehn Jahre. Grund zur Freude besteht indes nicht, denn die sozialen Bedingungen für Kinder und Jugendliche haben sich seit 1989 dramatisch verschlechtert.

Sinkende Staatsausgaben, der Niedergang der Sozialsysteme und zahlreiche bewaffnete Konflikte träfen vor allem Kinder, hieß es. Laut Studie leben in der ehemaligen Sowjetunion und in Osteuropa rund 150 Millionen Kinder, von denen etwa zwei Millionen ihre Heimat verlassen mussten. Hohe Arbeitslosigkeit stoße viele Familien in die Armut. Krankheiten wie Diphterie und Tuberkulose träten auf. Über eine Million Kinder müssten in "heruntergekommenen Großheimen" leben. In Russland, Rumänien und Litauen habe sich der Anteil der Kleinkinder in staatlicher Fürsorge seit 1989 fast verdoppelt. Immer weniger Kinder würden zur Schule gehen. Mangels Strom und Heizung seien Schulen manchmal monatelang geschlossen. In Russland habe sich bei männlichen Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren die Selbstmordrate mehr als verdoppelt. Die Zahl der drogenabhängigen Jugendlichen habe sich verdreifacht. Die Zahl der Alkoholabhängigen sei sogar siebenmal so hoch wie noch vor zehn Jahren. Und das Drogenproblem sei auch für den Anstieg der HIV-Infektionen von 30 000 (1995) auf 270 000 (1998) verantwortlich.

"Die Probleme sind allerdings nicht allein auf den Übergang vom kommunistischen zum liberalen Wirtschaftssystem zurückzuführen", räumte der Vorsitzende von Unicef Deutschland, Reinhard Schlagintweit, ein. Der wirtschaftliche Niedergang in vielen Ländern habe nämlich bereits in den siebziger Jahren begonnen, sagte er. Doch Schlagintweit sieht auch positive Entwicklungen in der Bekämpfung des Kinderelends: "Die Hilfsbereitschaft des Westens ist enorm. Außerdem zeichnet sich in einigen Ländern auch eine wirtschaftliche Erholung ab."

Hans-Dietrich Genscher appellierte an die Staaten der Europäischen Union, bei Beitrittsverhandlungen mit mittel- und osteuropäischen Ländern mehr soziale Verantwortung zu übernehmen und ökonomische Gesichtspunkte hintanzustellen. "Wir dürfen vor diesen Problemen nicht die Augen verschließen. Die Länder liegen ja nicht in der fernen Welt, sondern in unmittelbarer Nachbarschaft, vielfach vor unserer Haustür." Die Erfüllung von Menschenrecht und Menschenwürde drücke sich am deutlichsten an der Situation von Kindern aus, "weil sie immer die Schwächsten sind".

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