Politik : Die Sozialdemokratin Annemarie Renger wird 80 - Elend und Hoffnung begleiteten ihren Weg

Klaus J. Schwehn

Das Buch, 1984 erschienen, trägt in der Abwandlung eines Clara-Zetkin-Zitates den Titel "Verdient die Nachtigall Lob, wenn sie singt?". Dieses Buch, geschrieben von Frauen, aber nicht nur für sie, handelt von führenden Sozialdemokratinnen in der Politik. Natürlich findet sich darin auch ein Aufsatz von Annemarie Renger unter dem Motto "Die Gedankenwelt Kurt Schumachers bestimmte meinen politischen Weg". Das war ihr Programm. An diesem Donnerstag feiert die Wegbegleiterin des ersten SPD-Vorsitzenden nach dem Krieg, die spätere - erste sozialdemokratische - Präsidentin des Bundestags den 80. Geburtstag. Und da mögen, wie im Zeitraffer, das ganze Elend und die ganze Hoffnung deutscher und sozialdemokratischer Geschichte dieses Jahrhunderts an ihr vorüberziehen.

Schlagzeilen dazu aus ihrer Feder: "Das Leid des Krieges - Begegnung mit Schumacher - Neuaufbau der Sozialdemokratie - Keine Blutspende für die KPD - Freiheit ist der höchste Wert". Herbert Wehner begleitete dies Buchprojekt mit den Worten: "Wenn sozialdemokratische Politikerinnen Bilanz ziehen, so geht es keineswegs bloß um Erfolgserlebnisse. Auch Enttäuschungen und Zweifel gehören zu den wesentlichen Erfahrungen."

Die geborene Leipzigerin, Tochter eines Tischlers, stammt aus typisch sozialdemokratischem Milieu. Ihr Vater gehörte zu den Mitbegründern der Arbeitersportbewegung. Nach Kriegsende, sie war bereits mit 25 Jahren Kriegerwitwe geworden, arbeitete sie an der Seite von Kurt Schumacher als Sekretärin und treue Wegbegleiterin. Nach dessen Tod ging sie in die politische Arena: 1953 wurde sie erstmals Bundestagsabgeordnete. Und in Bonn erlebte sie einen Aufstieg, den eine Sozialdemokratin bislang nicht gekannt hatte: Am 13. Dezember 1972 wurde sie Präsidentin des Bundestags. In dieses hohe Amt, das sie "eine faszinierende Erfahrung" genannt hat, war sie nicht infolge einer "Quoten-Regelung" gekommen.

Höhen und Tiefen: Die "traditionalistische", leidenschaftliche Sozialdemokratin wurde 1973 im Zuge eines "Linksdriftes" aus dem SPD-Präsidium gewählt. 1979 kandidierte sie gegen Karl Carstens bei der Wahl zum Amt des Bundespräsidenten, blieb aussichtslos, gewann aber hohen Respekt.

Privat mußte sie etliche Schicksalsschläge hinnehmen: Der erste Mann und drei ihrer Brüder fielen im Krieg, ihr zweiter Mann starb nach sechsjähriger Ehe, ihren einzigen Sohn verlor sie vor kurzem. Annemarie Renger - ein deutsches Schicksal.

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