Politik : Die SPD in NRW verteidigt nicht mehr vorbehaltslos die Gesamtschule

Jürgen Zurheide

Edmund Stoiber war voll des Mitgefühls. Als er beim Essener CDU-Parteitag das Thema Bildung ansprach, drehte er sich für einen Moment um und nahm Blickkontakt mit Jürgen Rüttgers auf: "Bildung ist die soziale Frage der Zukunft und wir in Bayern richten unsere Politik danach aus, das ist anders als bei Ihnen hier in Nordrhein-Westfalen". In diesem Moment hellte sich das Gesicht des nordrhein-westfälischen CDU-Chefs Jürgen Rüttgers auf, weil sich viele Hände im Saale rührten. In seinen Wahlreden buhlt Rüttgers ebenfalls mit diesem Thema um Beifall, er listet den seit 33 Jahren an Rhein und Ruhr regierenden Genossen viele Fehler auf diesem Gebiet auf. "Je Schüler die wenigsten Unterrichtsstunden, jede achte Stunde fällt aus und die Lehrer werden immer älter", hat Rüttgers ausgerechnet und das Publikum klatscht jeweils, wenn er verspricht, dass sich das alles ändere, wenn man ihn denn am 14. Mai zum Regierungschef wähle.

Gabriele Behler verzieht kaum die Mundwinkel, als sie von der Attacke des Bayern Stoiber hört. "Der kennt die Zahlen nicht", wirft die Düsseldorfer Bildungsministerin ein und zieht dann eine Statistik aus der Tasche, die zeigt, dass sich die Bildungsausgaben pro Kopf der Bevölkerung kaum unterscheiden. "Die Bayern geben 6434 Mark aus, wir liegen mit 6477 sogar noch darüber", frohlockt Behler. Beim Thema "verläßliche Schule von acht bis eins" freut sich Frau Ministerin besonders, liegt Nordrhein-Westfalen sogar weit vorne. An Rhein und Ruhr bietet man den Eltern inzwischen an 80 Prozent aller Schulen die Sicherheit, dass ihre Kleinen in diesem Zeitraum betreut werden; in Bayern können dies nur 20 Prozent der Schulen, selbst Baden-Württemberg liegt nur leicht über der bayrischen Quote.

3000 neue Stellen im Wahljahr

An dieser Stelle bricht Gabriele Behler freilich die Zahlenspiele ab, sie hat andere Botschaften: "Wir stellen uns den Vergleichen, aber wir müssen eher über Qualität reden." Und dann berichtet sie davon, dass in Nordrhein-Westfalen das zehnte Schuljahr obligatorisch ist und die Abrecherquote mit nur noch 6,1 Prozent, die eine Schule ohne Abschluß verlassen, so niedrig wie kaum anderswo liegt. Insgesamt gibt das Land mit 12,6 Prozent vom Gesamtetat so viel für seine Schulen aus, dass man auf Platz vier wiederum weit vor den Bayern landet.

Jenseits der Zahlen bestreitet natürlich niemand, dass die geburtenstarken Jahrgänge die Bildungspolitiker vor große Probleme gestellt haben. Die Zahl der Schüler ist stärker als die Zahl der Lehrer gestiegen und daran wird auch das Sonderprogramm nichts ändern, das man mit Blick auf die Wahl aufgelegt hat und das im laufenden Jahr 3000 neue Stellen bringt. Den Lehrern hat man nach einer umstrittenen Arbeitszeitstudie mehr Unterricht abverlangt, die Schüler müssen damit rechnen, dass ihre Abiturarbeiten schulübergreifend auf die Qualität überprüft werden.

Damit haben sich die bildunspolitischen Schwerpunkte im Laufe der Legislaturperiode gravierend verändert: wo früher ideologische Fragen über die Sinnhaftigkeit von Gesamtschulen im Vordergrund standen, wird heute über Qualität diskutiert. In diesem Zusammenhang war man natürlich im Kultusministerium aufgeschreckt, als eine übergreifende Studie den jungen Menschen an Rhein und Ruhr teilweise schlechte Zeugnisse ausstellte. "Das werden wir ändern", hat Gabriele Behler versprochen, seither werden die Abiturarbeiten gegengelesen. Da etliche Gesamtschüler dieses höhere Niveau nicht schaffen werden, wird inzwischen offen darüber diskutiert, ob wirklich jede Gesamtschule bis zum Abitur führen muß, ohne dass die alten Bildungsideologen aufschreien.

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