Politik : Die Truppe im Krieg

ROBERT BIRNBAUM

Man muß mit weiterhin sehr ernsten Risiken rechnen", hat ein ziemlich blasser Rudolf Scharping am Sonntag abend gesagt. Da war die Szene noch ganz frisch, die immer und immer wieder vor den Fernsehzuschauern ablief: Wie der gelbe Lada die Straße in Prizren entlangfährt, es knallt, in der Frontscheibe platzen Löcher auf, die Kamera schwenkt, zeigt einen Gebirgsjäger hinter dem Turm seines Schützenpanzers liegend, gegenüber hinter einer Hausecke ein Soldat mit Sturmgewehr, wieder Schüsse, "Munition!" brüllt einer. Schnitt. Das Innere des Lada, ein blutüberströmter Mann sagt etwas in die Kamera. Neben ihm über dem Lenkrad ein Toter.

Prizren, einen Tag später. Auf der Ausfallstraße nach Norden staut sich eine schier endlose Autoschlange. Die Serben verlassen die Stadt. "Diebe, Diebe" brüllen ihnen Hunderte Kosovo-Albaner hinterher. Steine fliegen, die Flüchtenden werden angespuckt, die Männer zeigen einander obszöne Gesten. Irgendwo dazwischen immer wieder deutsche Soldaten. Seit dem Sonntag, als die ersten Deutschen in ihren Panzerwagen mit der Aufschrift "KFOR", dem Kennzeichen der Kosovo-Friedenstruppe, hier auftauchten, sind die Rollen vertauscht: Die Albaner fühlen sich wieder sicherer, die Serben flüchten vor dem Rachedurst der Albaner.

Fritz von Korff kann sie nicht aufhalten. "Es gibt Anzeichen, daß sich ganze Dörfer der Armee anschließen", sagt der Brigadegeneral, Chef des deutschen KFOR-Kommandos in Prizren. Bis Dienstag abend muß die jugoslawische Armee den Sektor im Südkosovo verlassen haben. Im großen und ganzen, sagt Staatssekretär Peter Wichert am Mittag auf der Bonner Hardthöhe, funktioniere das; wenn nicht, liege es an technischen Problemen. Als die Deutschen von Albanien her einrückten, hatten sie sieben serbische Militärfahrzeuge in der Kolonne mitgebracht - sie waren mit leeren Tanks liegengeblieben. Die Armee, sagt auch Presseoffizier Hanns Christian Klasing in Prizren, sei sehr kooperativ. Aber die Irregulären, die von niemandem kontrolliert würden, seien gefährlich - gleich ob Serben oder Kämpfer der Albaner-Untergrundarmee UCK.

"Ruhe und Sachlichkeit", sagt ein Offizier, "tragen mehr zur Deeskalation bei als jeder Versuch, Ordnung in ein Chaos zu bringen." Das war die oberste Leitlinie des Trainings, mit dem die Soldaten auf den Einsatz vorbereitet wurden. Sind sie vorbereitet? "Die spüren nun ganz konkret den Unterschied zwischen einer Übung und dem Einsatz", sagt Oberst Gertz. Für den Vorsitzenden des Bundeswehr-Verbands ist der Schußwechsel in Prizren ein Einschnitt; einer, der auch die Wahrnehmung der Soldaten verändere. Er ist sich darin einig mit der amtlichen Interessenvertreterin der Soldaten. Angst, sagt die Wehrbeauftragte Claire Marienfeld, habe sie beim Truppenbesuch vor zwei Wochen im mazedonischen Tetovo nicht gespürt. Sorge schon eher: "Natürlich ist solche Sorge auch wichtig, um hellwach zu sein."

Hellwach werden sie noch länger sein müssen. Eine "außerordentlich schwierige Übergangszeit" sieht der Staatssekretär Wichert voraus. In Prizren hat die Truppe noch nicht einmal ihr Hauptquartier völlig unter Kontrolle; von den Überlandstraßen, den verlassenen Dörfern, den Wäldern zu schweigen. Die Männer, sagt Marienfeldt, hätten die richtige Einstellung: "Unsere Aufgabe ist im Kosovo", haben ihr die Soldaten in Tetovo gesagt. Aber was sie am meisten erstaunte: Wer mit den Frauen der Soldaten rede, stoße durchgängig auf Zustimmung zum Job ihrer Männer. "Über die Versetzung zu einem anderen Standort wird schon mal geklagt", sagt die Wehrbeauftragte. "Aber wenn es ernst wird, stehen die Familien zu dem, was die Männer tun."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben